Schutzengel gesucht!

Ich war nie eine Ich-mach-mir-Sorgen-Mutter

Ich war nie eine ängstliche Glucken-Mutter. Als mein Sohn ein Baby war – natürlich das süßeste Baby der Welt, sah ich ihn besonders gern bei anderen auf dem Arm, da ich dann seine ganze Pracht genießen konnte und nicht nur auf die Fontanelle schaute.

Ich erinnere mich, als er das erste Mal mit einem Kumpel aus der Nachbarschaft im Park alleine spielen durfte. Um 18:00 sollten sie zu Hause aufschlagen. Die beiden Jungs im Vorschulalter konnten die Uhr noch nicht. Wer mich ein wenig kennt und ahnt, dass mein Erst- und Einziggeborener ein wenig nach mir schlägt, weiß, dass es nicht gut gehen konnte. Nachbarseltern machten sich Sorgen – und wir uns gemeinsam auf die Suche. Laut die Namen der Kinder rufend dachte ich irgendwann: Jetzt musst Du mal anfangen, Dir Sorgen zu machen –  für den Fall, dass wirklich was passiert ist. Und ich presste mich in dieses Gefühl hinein.

Aber mein Junge war auch wirklich super in Sachen Sicherheit: An jeder Bordkante blieb er stehen und wartete auf mein Loszeichen; ich konnte mit ihm über den Weihnachtsmarkt bummeln, ohne ihn an die Hand zu nehmen, da er immer bei mir blieb (diese Sicherheit führte manchmal zu dem vorübergehenden Verlust von Leihkindern, da ich gar nicht darauf gepolt war, die Süßen ständig im Blick zu haben); und er konnte unglaublich gut sein körperliches Leistungsvermögen einschätzen. Wenn er sich als 5-jähriger vornahm sieben Stufen zu überspringen, schaffte er es auch. Und die achte Stufe sprang er nicht.

Auch außerhalb meines Gesichtsfelds war ich nicht die Sorgen-Mutter. Mit einer Freundin starteten wir die ersten Mein-Baby-schläft-heute-bei-Dir-und-ich-gehe-aus-Aktionen. Während Sie sich mit Tränen in den Augen bei uns losriss, ließ ich im Gegenfall das Handy zu Hause, weil es in der Handtasche auftrug (damals waren die Handys noch nicht so flach) und ich sicher war, dass alles gut geht. Ging es auch. Mein Junge litt nie unter Heimweh und zog immer mit großer Freude in die Welt hinaus. Ausreisen und Klassenfahrten waren für uns beide Auszeiten, die wir freudvoll erwarteten, intensiv durchlebten, um dann erlebnissatt und mit Freude und Sehnsucht aufeinander wieder zusammen zu treffen.

Hormonüberschuss

Und jetzt? Jetzt löst er sich aus dem mir vertrauten Muster (oder löse ich mich?). Er macht sein eigenes Ding und ich mir Sorgen. Zum ersten Mal wünsche ich mir einen Sohn, der schon immer wusste, dass er Sparkassenangestellter wird oder Versicherungskaufmann/Innendienst. Ich wünsche mir für ihn andere Vorbilder als diese kiffenden Mülltonnen-Hinterhof-Gangsta-Rapper. Ich möchte ihn brav, fleißig und angepasst, damit ihm nichts passiert, was nicht wieder gut zu machen ist (Scheiß auf offene Horizonte!).

Das Ende der Erziehung

Jesper Juul – ein bekannter dänischer Pädagoge – sagt, die Erziehung sei mit 12 Jahren beendet. Dieser Hang zum Nachjustieren, den Eltern in der Pubertät der Kinder entwickelten, sei nicht wirklich förderlich. Bei mir schlägt das Nachjustieren voll durch. Das schlechte Gewissen über möglicherweise Versäumtes, schnellt als Fundamental-Vorwurf auf das Kind herunter, aus lauter Sorge, dass etwas in seiner Entwicklung grundlegend danebengehen könnte. Unterstützt werden die emotionalen Auf und Abs sicherlich durch die hormonelle Doppelbelastung in unserem Kleinhaushalt (Pubertät und Wechseljahre unter einem Dach sind kein Spaß!).

Gebrauchslyrik

Das Gedicht „An meinen Schutzengel“ von Mascha Kaléko ist mir in dieser ungewohnten Not seit einiger Zeit ein treuer Begleiter. Kaléko wird manchmal als Gebrauchslyrikerin abgestempelt. Ich finde, bzgl. dieses Gedichts gibt es kaum ein größeres Kompliment. Und vielleicht kann es ja auch einer von euch gebrauchen:

An meinen Schutzengel

Den Namen weiß ich nicht. Doch du bist einer

Der Engel aus dem himmlischen Quartett,

Das einstmals, als ich kleiner war und reiner,

Allnächtlich Wache hielt an meinem Bett.

 

Wie du auch heißt – seit vielen Jahren schon

Hältst du die Schwingen über mich gebreitet

Und hast, der Toren guter Schutzpatron,

Durch Wasser und durch Feuer mich geleitet.

 

Du halfst dem Taugenichts, als er zu spät

Das Einmaleins der Lebensschule lernte.

Und meine Saat, mit Bangen angesät,

Ging auf und wurde unverhofft zur Ernte.

 

Seit langem bin ich tief in Deiner Schuld.

Verzeih mir noch die eine – letzte – Bitte:

Erstrecke deine himmlische Geduld

Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.

 

Er ist mein Sohn. Das heißt: Er ist gefährdet.

Sei um ihn tags, behüte seinen Schlaf.

Und füg es, daß mein liebes schwarze Schaf.

Sich dann und wann ein wenig weiß gebärdet.

 

Gib du dem kleinen Träumer das Geleit.

Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen.

Und bleibt dir dann noch etwas freie Zeit,

Magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.

 

 

 

 

 

Wechseljahre

In der Lebensmitte hat man die Hälfte hinter sich – und die Hälfte vor sich

In der Mitte des Lebens hat man die Hälfte hinter sich. Irgendwie scheinen Geist und Körper diese Banalität so zu verdrängen, dass es uns statistisch erst einige Jährchen nach der Lebensmitte ereilt:  Midlife-Krise und Wechseljahre.

Körperlicher Abbau: langsamer Einstieg in das Leben mit Brille über das günstige Einstiegs-Angebot der Drogerien – so erspart man sich die fachliche Diagnose „Altersweitsicht“. Bei einem Umzug kann kaum noch jemand der eigenen Altersklasse bei der Waschmaschine anfassen.

Nachlassende Attraktivität: Der Geist ist willig, aber das Fleisch wird irgendwie immer schwächer. Nicht nur bei einem selbst. Auch bei einem gleichaltrigen Gegenüber. Hier versprechen Drogerien Unterstützung. Wir wissen um deren Begrenztheit und greifen trotzdem zu.

Kulturell gealtert: Wenn mein Sohn mir Musik vorspielt, von Filmen erzählt, mir diese komischen Spiele zeigt und Sprüche klopft, merke ich: ich bin raus! Mein Herz schlägt bei alten Liedern, Filmen etc. Ich kenne Menschen meines Alters, die mehr En Vogue sind und Anschluss halten. Mir scheint aber, auch das hat einen Preis, der mit den Drogerie-Angeboten vergleichbar ist.

Verengter Horizont und Blick in den Rückspiegel

Das Einschneidenste ist jedoch der verengte Horizont. Was ich jetzt nicht mache, werde ich vermutlich nie mehr machen und viele Sachen, kann ich schon jetzt nicht mehr in Angriff nehmen:

  • Ich werde nie mehr ein Pop-Star
  • Ich werde keine Großfamilie mehr gründen
  • Ich werde nie mehr Handstand-Überschlag machen

Der Blick zurück hat mehr zu bieten, als der nach vorne:

  • Ich bin im Elbsandsteingebirge durch den Kamin geklettert
  • Ich habe in Nordkorea gesungen (und mich gegruselt)
  • Ich habe ein Kind geboren und (schon fast) großgezogen
  • Ich habe tolle Projekte umgesetzt

Aber ich fühl mich viel zu jung, um in der Vergangenheit zu leben. Schließlich gehöre ich zur ersten Generation mit ausufernder Jugendphase und meine Mutter sagte neulich erst: „Wer so lang 16 war wie Du, von dem kann man nicht erwarten, dass er plötzlich 52 ist.“ Auf der anderen Seite war ich nie ein Anhänger der These, man sei immer so alt wie man sich fühle… das kann zu enormen Irrtümern führen.

Ein Aufbruch bereitet immer auch Schmerzen

Vor einem Jahr zog ich mit Sack und Pack und einem gerade 15-jährigen Jungen aus der Möchtegern-Großstadt Bremen nach Emden in die echte Peripherie. Neues Leben, neuer Job, neue Themen.

Ich lüge, wenn ich behaupte, es sei einfach.

  • Ich vermisse die über viele Jahre gewachsenen Freundschaften. Mein Drang bei jedem Frei in die heimischen Sphären und die Arme meiner Freundinnen zu segeln ist groß und behindert gleichzeitig die Neuausrichtung am neuen Ort. Erwarteter Weise haben die Menschen meines Alters einen gesättigten Freundeskreis. Man hat nicht wirklich auf mich gewartet.
  •  Die Konflikte mit dem ob der Umsiedlung berechtigterweise komplett wütenden Kind waren schrecklich. Ich bin selig, dass er mir verziehen hat, aber immer noch extrem erpressbar. Dazu neigen Alleinerziehende mit ewig schlechtem Gewissen und ich im Besonderen sowieso.
  •  Der neue Job erweist sich als superherausfordernd. Spannung hat seinen Preis und fehlende Routine kann beim Rennen gegen die Zeit ganz schöne Schmerzen verursachen.

Erstes Fazit

Ich habe es nicht bereut! Es war das wildeste Jahr, an das ich mich erinnern kann. Ich habe noch nie so hart gekämpft und jetzt nach einem Jahr auf das erste Ergebnis zu blicken, macht mich richtig stolz und glücklich:

  • Ich habe im Job bestanden
  • Ich habe erste freundschaftliche Bande zu ganz phantastischen Menschen geknüpft
  • Meinem Sohn geht es mittlerweile gut am neuen Ort
  • Dieses Ostfriesland gefällt mir richtig (inkl. Ostfriesentee)

Und ich bin extrem neugierig auf das, was kommt. Das ist ein wirklicher Lebens-Luxus in meinem Alter, den ich demütig zu schätzen weiß.