Schulfahrten-Boykott der niedersächsischen Gymnasien

Schüler demonstrieren gegen den Klassenfahrt-Boykott

„Na, schaun wir mal, ob es mit den Buchungen noch einen Schub gibt. Heute streiken ja schon mal die Schüler, “ begrüßte mich gestern unser Nachtwächter, der auch während unserer Winter-Schließzeit fast täglich vorbei kommt, nach dem Rechten sieht und einen Blick in die Zeitung wirft.

„Hast Du gesehen, der Herbergsleiter von Worpswede war im Fernsehen – die haben auch Einbußen wegen des Schulfahrtenboykotts“, schreibt mich eine Mitarbeiterin auf Facebook an, die ebenfalls gerade im „winterfrei“ ist.

Natürlich ist für uns als Jugendherberge in Niedersachsen der Schulfahrtenboykott von niedersächsischen Gymnasiallehrern ein Thema. Und was für eins. Vor einem Jahr habe ich noch gedacht, die Effekte flutschen an unserer Jugendherberge vorbei, aber… nö!

Der Konflikt

Was ist passiert? Kurz: eine Stunde Mehrarbeit hat für viele Gymnasiallehrer und Ihre Vertretungen das Fass zum Überlaufen gebracht (der Inhalt dieses Fasses besteht aus vielen Fassetten und dem Grundgefühl im Dienstherren keine Unterstützung zu bekommen, da Interessen und Mittel in die Gesamtschulen flössen und die Gymnasien ausgetrocknet würden). Die Reaktion: dann verrichten wir auch keine freiwilligen Leistungen mehr – wie zum Beispiel Klassenfahrten. Natürlich geht das mit dem Dienst nach Vorschrift nicht in Gänze. So fahren zum Beispiel die Emder Schulen weiter ins Ausland (wegen geltender Verträge). Auch Tagesausflüge finden statt. Es schmerzt mich so richtig, dass ausgerechnet wir Jugendherbergen durchs Rost fallen. Und natürlich mache ich mir Sorgen.

Jugendherbergen als Klassenfahrts-Branche

Die Jugendherbergen finanzieren ihr laufendes Tagesgeschäft aus ihren Einnahmen. Wir leben von dem, was unsere Gäste für unser Angebot bezahlen. Das finde ich auch sehr richtig und gut. Und ich finde es auch gut, dass wir unseren Mitarbeitern mindestens den Mindestlohn zahlen. Die Herausforderung in sozialen Bereichen wirtschaftlich zu agieren, halte ich für eine zentrale Anforderung – nicht in dem Sinn, die Solidargesellschaft auszuhebeln, sondern dass auch und gerade soziale und gemeinnützige Unternehmen sehr, sehr sorgsam mit den finanziellen Mitteln umgehen müssen, damit ein Hochmaß in den gemeinnützigen oder Förderzweck fließen kann. Das ist aber noch einmal eine andere Diskussion. Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter, nicht nur aber auch, weil sie bei ganz vielen Dingen an die Kosten und ans Budget denken. Ein Rückgang von Buchungen macht mir und muss mir auch Kopfzerbrechen machen. Und es ist sehr unschön, dass ich (trotz des Angebots von Freiplätzen bei Klassenfahrten, trotz unserer Aktivitäten, die Jugendherberge zu verschönern, trotz eines tollen Programmangebots) keine wirksame Stellschraube habe, weil der Klassenfahrt-Boykott ein Boykott ist.

Traditionen und Marktgesetze 

Ich erwarte nicht, dass Lehrer auf Klassenfahrt fahren, um unsere Arbeitsplätze zu sichern. Ich möchte ein Produkt anbieten, dass es wert ist, gekauft zu werden. Jugendherbergen sind vor mehr als 100 Jahren entstanden, um Kindern zu ermöglichen aus ihrem (Schul-)Alltag auszubrechen, etwas Neues in einem sozialen Miteinander zu erleben. Dazu gehören Streiche und Blödsinn genauso wie Heimweh, Konflikte und wieder vertragen (und auch die von mir sehr geliebten Szenen der Souveränitätserprobung vor dem Süßigkeiten-Automaten). Klar, damals, als sich das Ruhrgebiet rasant entwickelte und die zwischen Grube und Stahlwerk aufwachsenden Kinder kaum mal die Sonne gesehen haben, drehte sich die Welt ganz anders. Aber auch heute kommen viele Schüler zu uns, die noch nie zuvor einen Fuß ins Watt gesetzt haben und sich wundern, dass Muscheln an den Füßen wehtun. Kinder, die stolz sind, eine Woche fern von Heimat und Familie (und manchmal sogar ohne Handy) ganz gut zu überstehen. Wenn eine Klassenfahrt nicht mehr für Kinder, Klasse und Klassengemeinschaft einen Mehrwert bringt, der Aufwand und Kosten rechtfertigt, eine Klasse auseinander läuft statt zusammen zu wachsen, wenn es so ist, dass unsere Angebote keinen ausreichenden Nutzen haben, dann ist es so wie mit anderen Produkten und richtig: Sie verschwinden vom Markt und wir müssen uns neuen Tätigkeitsfeldern zuwenden.

Klassenfahrt ist als Politikum zwischen die Fronten gerutscht

Aber ich habe das Gefühl, dass die Klassenfahrt als Thema zwischen die Fronten gerutscht ist und von den Entscheidern überhaupt nicht inhaltlich behandelt wird. Und ich habe die große Sorge, dass mit dem Schulfahrten-Boykott ein Traditionsabbruch ohne jede inhaltliche Auseinandersetzung – weder über Sinn und Zweck, noch über Qualitätsansprüche an eine Klassenfahrt  – eingeläutet werden könnte.

Die Fronten zwischen Bildungsministerium und Gymnasiallehrern sowie deren Interessenvertretern verhärten sich. Und schaut man sich z. B. die Forderungen der Lüneburger Gymnasien an, erkennt man sofort, dass bei einer Umsetzung ihrer 10 Punkte-Forderungen, bei deren Einführung sie wieder auf Klassenfahrt fahren würden, ein Vielfaches an Kosten entstünde als die 80 Mio. angestrebten Einsparungen, die mit der vom Bildungsministerium verhängten Stunde Mehrarbeit erreicht werden sollte.

Lehrer unter Druck

Ich möchte nicht über die Situation der Gymnasiallehrer urteilen – das machen schon genug. Ich kann mir vorstellen, dass es anstrengt, nach jedem Regierungswechsel die nächste immerwährende Schulreform – bis zum nächsten Regierungswechsel – umzusetzen. Arbeitsverdichtung ist nicht nur ein Thema außerhalb der Schulen. Die Bertelsmann-Stiftung hat einmal eine Publikation veröffentlicht, die aufzeigt, wie sich – unter dem Reformdruck des Bildungssystems – die Lehrer in der Zerreissprobe zwischen Politik und Schulbehörde, Eltern und Kindern und dem gesamtgesellschaftlichen Blick auf Schule befinden. Und ein wenig anders als bei einem Arzt, dem auch schon jeder bei der Berufsausübung begegnet ist, finden wir Normalmenschen doch zu gern: „Lehrer könnte ich auch. Und zwar besser.“ Ich mag dieses „Bashen“ nicht

Gleichzeitig staune ich manchmal, wenn Lehrer sich über negative Veränderungen ihrer Arbeitswelt beschweren, die bei anderen schon immer so waren – wie z.B. immer mehr Nachmittags- und Abendtermine. Da lebt sicher jede Branche unter der eigenen Glocke. Ich z.B. habe nie auf die Uhr geschaut (Leider fällt mir das auch morgens schwer). Aber wie so eine Saison ohne Wochenenden und Urlaub beißen kann, wusste ich nicht bis ich es im letzten Jahr zum ersten Mal erleben durfte. So ein Tatort funktioniert überhaupt nicht, wenn man ihn mit hängender Zunge direkt nach Feierabend einschaltet.

Und da schließt sich der Kreis meiner Überlegungen. Wenn ich ein gewisses stereotypes Bild über Lehrer habe, dann das, dass viele von Ihnen ihr Leben fast vollständig im Schul- und Bildungskontext bzw. im Klassenzimmer verbracht haben. Klassenfahrten bieten nicht nur für Schüler in dieser Hinsicht einen Perspektivenwechsel. Es ist auch ein spannendes Erlebnisfeld für Lehrer – und wir tun alles, dass es nicht nur spannend, sondern auch freudvoll wird. Hey, that’s our job!

 

Einige Links zum Klassenfahrt-Boykott der niedersächsischen Gymnasien:

http://www.hannover.sat1regional.de/aktuell/article/jugendherbergen-schlagen-alarm-zu-viele-stornierungen-durch-klassenfahrt-boykott-138309.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Schueler-fordern-Ende-des-Klassenfahrt-Boykotts,klassenfahrten128.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/lehrer442.pdf

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Neues-Schulgesetz-Abschied-vom-Turbo-Abi,schule968.html

http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article134645144/Klassenfahrt-Boykott-schmerzt-Jugendherbergen.html

http://www.lehrerstuhl.de/2013/10/04/solidaritaet-fuer-lehrer-soll-scherz-sein/

http://www.taz.de/!124887/ 

https://www.emderzeitung.de/emden/~/kein-klassenfahrt-boykott-an-emder-schulen-82859/

 

 

Alles Gute, Musikcamp!

Mein Lieblingsprojekt lebt ohne mich

Heute findet in der Jugendherberge auf Norderney das OLB Musik-Camp statt. Auf Facebook und twitter sehe ich Fotos vom Aufbau und rieche quasi die Stimmung. Und sitze hier auf dem Sofa eine Stunde plus Fährfahrt entfernt. Vor zwei Jahren fand am gleichen Ort das Abschlusskonzert des zunächst auf zwei Jahre begrenzten Veranstaltungsformats statt, mit dem die Jugendherbergen sich ganz neu präsentierten. Ein Projekt, das ich von Anfang an begleiten durfte und das für mich für immer ein berufliches Highlight bleiben wird. Ein Grund, heute über Projekte, die laufen lernen, nachzudenken.

Mein Baby

Von Anfang an war ich dabei – erst von Jugendherbergsseite zuständig für die Einwerbung der notwendigen Mittel und dann quasi als Knotenpunkt aller Beteiligter – man nennt es auch Projektleitung. Ich denke jeder, der mal etwas Ähnliches gemacht hat, weiß wie viel Reibung, Anstrengung, Beinahe-Katastrophen in so einem langjährigen Projekt stehen. Aber auch wie viel Spaß, Wunder und Wahnsinn. Anfangs sagte Thorsten Wingenfelder sinngemäß: „Wenn wir am Ende gemeinsam ein Getränk zu uns nehmen und es hat allen Spaß gemacht, hat sich die Reise gelohnt.“

Event – harte Arbeit, gutes Timing und Magie

Eventmanagement ist dadurch gekennzeichnet, dass enorme Kräfte, Massen, Dinge und Menschen bewegt werden, um zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas ganz Besonderes zu zaubern. Es gibt eine superdetaillierte Vorbereitung und doch kann ein Event in seiner Einzigartigkeit nicht berechnet werden. Neben dem Timing und Fleiß ist es immer auch Glück oder Segen, wenn diese magischen Momente entstehen.

Aber harte Arbeit ist die Voraussetzung für diese Magie: Ich habe diesen unermüdlichen und demütigen Fleiß der Tontechniker kennengelernt. Die produktive Aufregung der Künstler – gepaart mit einer hochprofessionellen Routine. Bienenfleißige Teams der Jugendherbergen. Die verlässlichen Fans und natürlich die Sponsoren, die durch den Vertrauensvorschuss alles möglich gemacht haben. Es gab auch total unterstützende Presseleute, die honorierten, dass wir dieses Format außerhalb urbaner Zentren spielten. Und ehrlich gesagt, war es jedes Mal so, dass ich mich mehr gefühlt habe, als ich sonst so bin.

Tun als Erweiterung des Selbst                                     

Generell sind wir Menschen ja nicht nur einfach da, sondern existieren durch unser Tun und unsere sozialen Kontakte. Und zentraler Teil des Musikcamps zu sein war irre! Ich hatte alle Telefonnummern für ein Open-Air auf meinem Handy in der Hosentasche! Meine Rolle war – in meiner Selbstzuschreibung – allen ermöglichen, bei möglichst guter Laune das Beste zu geben. Ich habe geschaut, wer braucht wann was, um sein Zeug machen zu können. Und damit war deren Zeug dann auch mein Zeug – hochbefriedigend, wenn es am Ende aufgeht. Und es ist aufgegangen wie ein Hefekuchen.

Schmerzen des Abschieds

Ich habe letzten Sommer eine berufliche Entscheidung getroffen, die beinhaltete dieses Lieblingsprojekt aufzugeben. Natürlich habe ich dem Musikcamp allen Erfolg dieser Welt gewünscht. Gleichzeitig bin ich aber viel zu egozentrisch, um nicht wenigstens zu wollen, dass man mich vermisst. Als ich im Sommer beim Musikcamp in der Jugendherberge Thülsfelder Talsperre vorbeischaute, musste ich die Wahrheit erfahren. Das Event-Gesetz ist nicht nostalgisch – die Energien weisen immer nach vorn. Eigentlich ist es wie bei meinem Jungen. Als mein Schwiegervater mit dem Baby in der Tür stand und allen erzählte der prächtige Bursche bestehe aus lauter Muttermilch, fühlte ich mich super. Heute erklärt er mir, er habe sich selbst erzogen und findet mich in der Regel „unnötig“.

Alles Gute für mich – Alles Gute fürs Musikcamp

Mein Thema ist in beiden Fällen das Gleiche: zu lernen, dass es gut ist, wenn die Kinder/Projekte ohne mich laufen. Und ich muss meine eigenen Leerstellen füllen, die diese Abschiede reißen und meine Rolle zu Kind/Projekt neu definieren.

Ich fühle mich auf gutem Weg, wenn ich morgen mit Freundinnen vom neuen Ort mein Musikcamp in der Jugendherberge Meppen besuche. Ich weiß, alle dort werden zusammen am Zauber des Abends schaffen, den ich dann genießen kann.

Und dann möchte ich nach dem Konzert gern mit allen ein Getränk trinken – ganz schön viel Harmoniesoße, was?