Alles Gute, Musikcamp!

Mein Lieblingsprojekt lebt ohne mich

Heute findet in der Jugendherberge auf Norderney das OLB Musik-Camp statt. Auf Facebook und twitter sehe ich Fotos vom Aufbau und rieche quasi die Stimmung. Und sitze hier auf dem Sofa eine Stunde plus Fährfahrt entfernt. Vor zwei Jahren fand am gleichen Ort das Abschlusskonzert des zunächst auf zwei Jahre begrenzten Veranstaltungsformats statt, mit dem die Jugendherbergen sich ganz neu präsentierten. Ein Projekt, das ich von Anfang an begleiten durfte und das für mich für immer ein berufliches Highlight bleiben wird. Ein Grund, heute über Projekte, die laufen lernen, nachzudenken.

Mein Baby

Von Anfang an war ich dabei – erst von Jugendherbergsseite zuständig für die Einwerbung der notwendigen Mittel und dann quasi als Knotenpunkt aller Beteiligter – man nennt es auch Projektleitung. Ich denke jeder, der mal etwas Ähnliches gemacht hat, weiß wie viel Reibung, Anstrengung, Beinahe-Katastrophen in so einem langjährigen Projekt stehen. Aber auch wie viel Spaß, Wunder und Wahnsinn. Anfangs sagte Thorsten Wingenfelder sinngemäß: „Wenn wir am Ende gemeinsam ein Getränk zu uns nehmen und es hat allen Spaß gemacht, hat sich die Reise gelohnt.“

Event – harte Arbeit, gutes Timing und Magie

Eventmanagement ist dadurch gekennzeichnet, dass enorme Kräfte, Massen, Dinge und Menschen bewegt werden, um zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas ganz Besonderes zu zaubern. Es gibt eine superdetaillierte Vorbereitung und doch kann ein Event in seiner Einzigartigkeit nicht berechnet werden. Neben dem Timing und Fleiß ist es immer auch Glück oder Segen, wenn diese magischen Momente entstehen.

Aber harte Arbeit ist die Voraussetzung für diese Magie: Ich habe diesen unermüdlichen und demütigen Fleiß der Tontechniker kennengelernt. Die produktive Aufregung der Künstler – gepaart mit einer hochprofessionellen Routine. Bienenfleißige Teams der Jugendherbergen. Die verlässlichen Fans und natürlich die Sponsoren, die durch den Vertrauensvorschuss alles möglich gemacht haben. Es gab auch total unterstützende Presseleute, die honorierten, dass wir dieses Format außerhalb urbaner Zentren spielten. Und ehrlich gesagt, war es jedes Mal so, dass ich mich mehr gefühlt habe, als ich sonst so bin.

Tun als Erweiterung des Selbst                                     

Generell sind wir Menschen ja nicht nur einfach da, sondern existieren durch unser Tun und unsere sozialen Kontakte. Und zentraler Teil des Musikcamps zu sein war irre! Ich hatte alle Telefonnummern für ein Open-Air auf meinem Handy in der Hosentasche! Meine Rolle war – in meiner Selbstzuschreibung – allen ermöglichen, bei möglichst guter Laune das Beste zu geben. Ich habe geschaut, wer braucht wann was, um sein Zeug machen zu können. Und damit war deren Zeug dann auch mein Zeug – hochbefriedigend, wenn es am Ende aufgeht. Und es ist aufgegangen wie ein Hefekuchen.

Schmerzen des Abschieds

Ich habe letzten Sommer eine berufliche Entscheidung getroffen, die beinhaltete dieses Lieblingsprojekt aufzugeben. Natürlich habe ich dem Musikcamp allen Erfolg dieser Welt gewünscht. Gleichzeitig bin ich aber viel zu egozentrisch, um nicht wenigstens zu wollen, dass man mich vermisst. Als ich im Sommer beim Musikcamp in der Jugendherberge Thülsfelder Talsperre vorbeischaute, musste ich die Wahrheit erfahren. Das Event-Gesetz ist nicht nostalgisch – die Energien weisen immer nach vorn. Eigentlich ist es wie bei meinem Jungen. Als mein Schwiegervater mit dem Baby in der Tür stand und allen erzählte der prächtige Bursche bestehe aus lauter Muttermilch, fühlte ich mich super. Heute erklärt er mir, er habe sich selbst erzogen und findet mich in der Regel „unnötig“.

Alles Gute für mich – Alles Gute fürs Musikcamp

Mein Thema ist in beiden Fällen das Gleiche: zu lernen, dass es gut ist, wenn die Kinder/Projekte ohne mich laufen. Und ich muss meine eigenen Leerstellen füllen, die diese Abschiede reißen und meine Rolle zu Kind/Projekt neu definieren.

Ich fühle mich auf gutem Weg, wenn ich morgen mit Freundinnen vom neuen Ort mein Musikcamp in der Jugendherberge Meppen besuche. Ich weiß, alle dort werden zusammen am Zauber des Abends schaffen, den ich dann genießen kann.

Und dann möchte ich nach dem Konzert gern mit allen ein Getränk trinken – ganz schön viel Harmoniesoße, was?

Werbeanzeigen