Schulfahrten-Boykott der niedersächsischen Gymnasien

Schüler demonstrieren gegen den Klassenfahrt-Boykott

„Na, schaun wir mal, ob es mit den Buchungen noch einen Schub gibt. Heute streiken ja schon mal die Schüler, “ begrüßte mich gestern unser Nachtwächter, der auch während unserer Winter-Schließzeit fast täglich vorbei kommt, nach dem Rechten sieht und einen Blick in die Zeitung wirft.

„Hast Du gesehen, der Herbergsleiter von Worpswede war im Fernsehen – die haben auch Einbußen wegen des Schulfahrtenboykotts“, schreibt mich eine Mitarbeiterin auf Facebook an, die ebenfalls gerade im „winterfrei“ ist.

Natürlich ist für uns als Jugendherberge in Niedersachsen der Schulfahrtenboykott von niedersächsischen Gymnasiallehrern ein Thema. Und was für eins. Vor einem Jahr habe ich noch gedacht, die Effekte flutschen an unserer Jugendherberge vorbei, aber… nö!

Der Konflikt

Was ist passiert? Kurz: eine Stunde Mehrarbeit hat für viele Gymnasiallehrer und Ihre Vertretungen das Fass zum Überlaufen gebracht (der Inhalt dieses Fasses besteht aus vielen Fassetten und dem Grundgefühl im Dienstherren keine Unterstützung zu bekommen, da Interessen und Mittel in die Gesamtschulen flössen und die Gymnasien ausgetrocknet würden). Die Reaktion: dann verrichten wir auch keine freiwilligen Leistungen mehr – wie zum Beispiel Klassenfahrten. Natürlich geht das mit dem Dienst nach Vorschrift nicht in Gänze. So fahren zum Beispiel die Emder Schulen weiter ins Ausland (wegen geltender Verträge). Auch Tagesausflüge finden statt. Es schmerzt mich so richtig, dass ausgerechnet wir Jugendherbergen durchs Rost fallen. Und natürlich mache ich mir Sorgen.

Jugendherbergen als Klassenfahrts-Branche

Die Jugendherbergen finanzieren ihr laufendes Tagesgeschäft aus ihren Einnahmen. Wir leben von dem, was unsere Gäste für unser Angebot bezahlen. Das finde ich auch sehr richtig und gut. Und ich finde es auch gut, dass wir unseren Mitarbeitern mindestens den Mindestlohn zahlen. Die Herausforderung in sozialen Bereichen wirtschaftlich zu agieren, halte ich für eine zentrale Anforderung – nicht in dem Sinn, die Solidargesellschaft auszuhebeln, sondern dass auch und gerade soziale und gemeinnützige Unternehmen sehr, sehr sorgsam mit den finanziellen Mitteln umgehen müssen, damit ein Hochmaß in den gemeinnützigen oder Förderzweck fließen kann. Das ist aber noch einmal eine andere Diskussion. Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter, nicht nur aber auch, weil sie bei ganz vielen Dingen an die Kosten und ans Budget denken. Ein Rückgang von Buchungen macht mir und muss mir auch Kopfzerbrechen machen. Und es ist sehr unschön, dass ich (trotz des Angebots von Freiplätzen bei Klassenfahrten, trotz unserer Aktivitäten, die Jugendherberge zu verschönern, trotz eines tollen Programmangebots) keine wirksame Stellschraube habe, weil der Klassenfahrt-Boykott ein Boykott ist.

Traditionen und Marktgesetze 

Ich erwarte nicht, dass Lehrer auf Klassenfahrt fahren, um unsere Arbeitsplätze zu sichern. Ich möchte ein Produkt anbieten, dass es wert ist, gekauft zu werden. Jugendherbergen sind vor mehr als 100 Jahren entstanden, um Kindern zu ermöglichen aus ihrem (Schul-)Alltag auszubrechen, etwas Neues in einem sozialen Miteinander zu erleben. Dazu gehören Streiche und Blödsinn genauso wie Heimweh, Konflikte und wieder vertragen (und auch die von mir sehr geliebten Szenen der Souveränitätserprobung vor dem Süßigkeiten-Automaten). Klar, damals, als sich das Ruhrgebiet rasant entwickelte und die zwischen Grube und Stahlwerk aufwachsenden Kinder kaum mal die Sonne gesehen haben, drehte sich die Welt ganz anders. Aber auch heute kommen viele Schüler zu uns, die noch nie zuvor einen Fuß ins Watt gesetzt haben und sich wundern, dass Muscheln an den Füßen wehtun. Kinder, die stolz sind, eine Woche fern von Heimat und Familie (und manchmal sogar ohne Handy) ganz gut zu überstehen. Wenn eine Klassenfahrt nicht mehr für Kinder, Klasse und Klassengemeinschaft einen Mehrwert bringt, der Aufwand und Kosten rechtfertigt, eine Klasse auseinander läuft statt zusammen zu wachsen, wenn es so ist, dass unsere Angebote keinen ausreichenden Nutzen haben, dann ist es so wie mit anderen Produkten und richtig: Sie verschwinden vom Markt und wir müssen uns neuen Tätigkeitsfeldern zuwenden.

Klassenfahrt ist als Politikum zwischen die Fronten gerutscht

Aber ich habe das Gefühl, dass die Klassenfahrt als Thema zwischen die Fronten gerutscht ist und von den Entscheidern überhaupt nicht inhaltlich behandelt wird. Und ich habe die große Sorge, dass mit dem Schulfahrten-Boykott ein Traditionsabbruch ohne jede inhaltliche Auseinandersetzung – weder über Sinn und Zweck, noch über Qualitätsansprüche an eine Klassenfahrt  – eingeläutet werden könnte.

Die Fronten zwischen Bildungsministerium und Gymnasiallehrern sowie deren Interessenvertretern verhärten sich. Und schaut man sich z. B. die Forderungen der Lüneburger Gymnasien an, erkennt man sofort, dass bei einer Umsetzung ihrer 10 Punkte-Forderungen, bei deren Einführung sie wieder auf Klassenfahrt fahren würden, ein Vielfaches an Kosten entstünde als die 80 Mio. angestrebten Einsparungen, die mit der vom Bildungsministerium verhängten Stunde Mehrarbeit erreicht werden sollte.

Lehrer unter Druck

Ich möchte nicht über die Situation der Gymnasiallehrer urteilen – das machen schon genug. Ich kann mir vorstellen, dass es anstrengt, nach jedem Regierungswechsel die nächste immerwährende Schulreform – bis zum nächsten Regierungswechsel – umzusetzen. Arbeitsverdichtung ist nicht nur ein Thema außerhalb der Schulen. Die Bertelsmann-Stiftung hat einmal eine Publikation veröffentlicht, die aufzeigt, wie sich – unter dem Reformdruck des Bildungssystems – die Lehrer in der Zerreissprobe zwischen Politik und Schulbehörde, Eltern und Kindern und dem gesamtgesellschaftlichen Blick auf Schule befinden. Und ein wenig anders als bei einem Arzt, dem auch schon jeder bei der Berufsausübung begegnet ist, finden wir Normalmenschen doch zu gern: „Lehrer könnte ich auch. Und zwar besser.“ Ich mag dieses „Bashen“ nicht

Gleichzeitig staune ich manchmal, wenn Lehrer sich über negative Veränderungen ihrer Arbeitswelt beschweren, die bei anderen schon immer so waren – wie z.B. immer mehr Nachmittags- und Abendtermine. Da lebt sicher jede Branche unter der eigenen Glocke. Ich z.B. habe nie auf die Uhr geschaut (Leider fällt mir das auch morgens schwer). Aber wie so eine Saison ohne Wochenenden und Urlaub beißen kann, wusste ich nicht bis ich es im letzten Jahr zum ersten Mal erleben durfte. So ein Tatort funktioniert überhaupt nicht, wenn man ihn mit hängender Zunge direkt nach Feierabend einschaltet.

Und da schließt sich der Kreis meiner Überlegungen. Wenn ich ein gewisses stereotypes Bild über Lehrer habe, dann das, dass viele von Ihnen ihr Leben fast vollständig im Schul- und Bildungskontext bzw. im Klassenzimmer verbracht haben. Klassenfahrten bieten nicht nur für Schüler in dieser Hinsicht einen Perspektivenwechsel. Es ist auch ein spannendes Erlebnisfeld für Lehrer – und wir tun alles, dass es nicht nur spannend, sondern auch freudvoll wird. Hey, that’s our job!

 

Einige Links zum Klassenfahrt-Boykott der niedersächsischen Gymnasien:

http://www.hannover.sat1regional.de/aktuell/article/jugendherbergen-schlagen-alarm-zu-viele-stornierungen-durch-klassenfahrt-boykott-138309.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Schueler-fordern-Ende-des-Klassenfahrt-Boykotts,klassenfahrten128.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/lehrer442.pdf

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Neues-Schulgesetz-Abschied-vom-Turbo-Abi,schule968.html

http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article134645144/Klassenfahrt-Boykott-schmerzt-Jugendherbergen.html

http://www.lehrerstuhl.de/2013/10/04/solidaritaet-fuer-lehrer-soll-scherz-sein/

http://www.taz.de/!124887/ 

https://www.emderzeitung.de/emden/~/kein-klassenfahrt-boykott-an-emder-schulen-82859/

 

 

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Social-Media-Foto-Welt

Ich habe nie gern fotografiert. Seit ich mit meinem Smartphone unterwegs bin, ist das anders geworden. Ständig mache ich Naturbilder. Ein Erklärungsversuch.

Familienfotos Teil I

Von meinem großen Bruder gibt es ein Fotoalbum vom ersten Lebensjahr. Von uns drei anderen plus ihm dann nochmal eins von der gesamten Kindheit. Es waren die geburtenstarken Jahrgänge. Zwischen Windeln und Geschrei blieb wenig Zeit und Muße, bezaubernde Momente festzuhalten – und vielleicht auch wenig bezaubernde Momente.

Einmal kam in späteren Jahren noch der Sohn meiner Patentante zu einer Fotosession vorbei und das war es. Damals hatte meine Schwester dann schon einen Fotoapparat – zumindest possiert sie damit auf einem dieser Fotos. Ich hatte auch so ein Gerät und erinnere mich an das ständig leere Filmfach. Ein paar sehr schlechte Fotos von meinem damaligen Hund belegen, dass es auch einen Film gegeben haben muss.

Fotokurs: Solarisation und Dunkelkammer

Als ich in einer meiner schulischen Schleifen die Fachoberschule für Gestaltung besuchte, wurde Fotografieren Unterrichtsfach. „Der Baum im Hintergrund darf nicht aus dem Kopf des Portraitierten wachsen“. Mit diesem Kurs ging es auch auf die schönste Klassenfahrt ever. Wir malten, fotografierten und diskutierten. Spacy. Also, ich malte und war supergern Modell für die Fotografen (zusätzlicher Benefit: schöne Fotos für neue Liebhaber). Dunkelkammer ging ein wenig besser: Das Geheimnis der Solarisation, das langsame Entstehen von Bildern. Spooky.

Aber selber fotografieren. No way. Als würde sich die Kamera zwischen mich und die Welt schieben. Die fotografische Erinnerung hatte für mich immer den Preis den Moment nicht wirklich zu erleben.

Familienfotos Teil II

Der Vater meines Sohnes wollte als kubanischer Einwanderer alles Neue festhalten und die Errungenschaften der technisierten Welt, in die er ausgewandert war, nutzen. Ein Fotoapparat wurde angeschafft und es war eine meiner ehelichen Pflichten, Fotos des Gatten vor Monumenten, Autos etc. zu machen, damit die Familie sich im fernen Zuhause ein Bild von seinem Leben machen konnte. Ich wäre lieber selbst Motiv gewesen, fand aber, dass der Mann selbst auf diese Idee kommen sollte. Ich scheiterte mit diesem heimlichen Wunsch. Also die alten Regeln ausgepackt: Goldener Schnitt, der Eifelturm darf nicht aus dem Kopf wachsen,…

Als das Baby da war, gab es noch eine Reihe Vater-Baby, Baby, Baby-Vater-Bilder (das ist natürlich übertrieben!) bis dann der Vater mit dem technischen Gerät (und den Fotos) auszog. Meine Mutter schenkte mir sofort einen Fotoapparat, damit die Kinderjahre meines Sohnes in Erinnerung blieben. Die heimliche Erwartung, auch selbst mit Fotos versorgt zu werden, wurde genauso wenig erfüllt wie der andere Anlass des Geschenks. Zum Glück fotografierte der Patenonkel aus der Hausgemeinschaft. Und ich bin sehr glücklich, dass mein Sohn zu seiner Konfirmation ein schönes Fotobuch über seine ersten Jahre von ihm bekam.

Fotografieren als soziale Handlung

Erst mit den sozialen Medien hat sich meine Haltung zum Fotografieren geändert. Es ist das Unmittelbare, was es mir ermöglicht zu fotografieren. Fotografieren und teilen ist eins. Es entstehen Erlebnisse genau dadurch. Ich sehe etwas, fotografiere, teile es to whom it may concern und es folgen Kommentare, Reaktionen. Fotografieren wird zur sozialen Handlung, zur Kommunikation… Nach wie vor fällt es mir schwer Fotos von Menschen zu machen. Ganz gleich, ob ich mich unterhalte oder jemanden beobachte, ich möchte kein technisches Gerät zwischen mir und diesen Menschen. Ich fotografiere die Kanäle, den Himmel, Bäume, am liebsten spiegelnde Wasserflächen. Das geht so gut in Emden.

Blick für die Schönheit der Welt

Mit dem Fotografieren ist noch etwas entstanden. Die Suche nach Motiven ändert meinen Blick. Ich suche und sehe das Schöne. Und ich staune, wie viel Schönes es gibt. Aber ich manipuliere auch: Ich entdecke Perspektiven, die das Licht heller scheinen lassen, das Gras grüner. Oder ich verenge den Bildausschnitt bis mir gefällt, was auf dem Display erscheint. Die ständige Aufmerksamkeit für das Schöne macht mich ein wenig glücklicher. In diesem Zusammenhang wirkt die Kamera (ok, es ist ein Handy) nicht als Störer sondern als Verstärker meiner Wahrnehmung für die schönen Dinge des Lebens.

Manchmal habe ich Sorge, dass diese neue Hingabe zu den kitschig schönen Motiven meinen Scharfsinn schleift und ich mich in einer oberflächlichen und realitätsfernen Fototapetenwelt einrichte. Aber ehrlich gesagt, kümmert sich die Welt ganz aufmerksam darum, dass das nicht geschieht. Nur das ist wieder ein anderes Kapitel.

Haarige Angelegenheit

Get your Winterleggings on!

Vor ein paar Tagen habe ich ein Bild gepostet. Darauf eine gezeichnete Frohnatur mit Stoppeln an den Beinen. Dazu der Schriftzug: „Get your Winterleggings on!“ Die Reaktionen waren verhalten, tadelnd, entsetzt – wenn auch immer mit einem gewissen Augenzwinkern.

Nena – die Achselhaar-Rebellin

In meiner Jugend gab es eine Nena mit Achselhaaren. Ich – selbst zu dieser Zeit Rebellin – bekam nicht einmal mit, dass ihr Achselhaar in den Medien und überhaupt als Zeichen der Rebellion gewertet wurde. Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich war fest davon überzeugt, im Miteinander gehe es stets, in erster Linie und immer um die inneren Werte. In dieser Hinsicht war mein Sohn in der Grundschule schon weniger naiv, als er mir verkündete, bei Mädchen seien eigentlich nur zwei Sachen wichtig: Das Innere und das Äußere.

Haarfreie Zone Kuba

Die erste bewusste Konfrontation durch meine Körperbehaarung erlebte ich als junge Frau auf Kuba Ende der achtziger Anfang der neunziger Jahre (Man bedenke, das war im letzten Jahrhundert!). Nachdem ich rudimentäre Sprachkenntnisse erlangt und liebe Freunde kennengelernt hatte, kam das Gespräch auf diese von mir bis dato unbeachtete Äußerlichkeit. Auch öffentlich wurde mir ein „afeitate“ (rasier dich!) nachgerufen. Meine Antwort: „das ist bei uns nicht üblich“. Nur eine Nischenwahrheit, wie mir später bewusst wurde. Aber sie war Anlass genug, meine lesbische Freundin zu dem Experiment „Körperbehaart auf Kuba“ zu verleiten. Sie rasierte sich nicht mehr Achseln und Beine und begründete das mit einer bevorstehenden Deutschlandreise, auf der man ihr bei fehlender Körperbehaarung Ungezieferbefall nachsagen würde. Aufruhr und Rebellion!

Familienkultur

Meine Schwester hatte durch ihre Arbeit auf der Geburtsstation eines Krankenhauses breiter gefächerte Einsichten in die deutsche Enthaarungskultur und irgendwann erreichte sie auch unsere Familie. Erst theoretisch, dann durch den Kauf erster Einmal-Rasierer. Unvergessen bleibt der schwesterliche Fauxpas bei der ungeübten Beinrasur direkt vor einem Sommerfest sich einmal am rechten Schienbein entlangzuschneiden. Und die spöttischen Bemerkungen meiner Mutter zu dem Manipulationsversuch  von Gottgegebenem.

Die Natürlichkeit meiner Mutter führte zu einer anderen haarigen Familiengeschichte. Beim familialen Begriffe-Raten, sollte sie uns das Wort „Tisch“ entlocken. Sie legte ihre Arme auf den Tisch und sagte siegessicher: „Es ist unter meinen Armen“. Darauf meine damals 12-jährige Nichte: „Achselhaar!“

Mit einem kurzen sehr schmerzhaften Umweg über eine Epiliermaschine bin ich heute ganz gut im Status Quo angekommen. Manchmal denke ich an die vielen rasierten Quadratkilometer, die ich getätigt habe. Wie große Golffelder breiten sie sich in meiner Vorstellung aus. Und dann zuckt sie wieder die kleine Körperkultur-Rebellin: Get your Winterleggings on!

 

 

ManageMensch – Warum ein Blog?

Jetzt bin ich seit zwei ganzen Wochen Bloggerin. Darüber nachgedacht hatte ich viel länger. Ich wollte einigermaßen sicher sein, bei einem öffentlich sichtbaren Projekt, eine Weile durchzuhalten. (Auch wenn ich einschränkend sagen muss, dass wir hier ein „Winterblog“ haben – da ich während der Klassenfahrt-Saison zwar großartig Themen sammeln kann, aber nicht dazu komme, Blogposts zu schreiben.)

Die Lust am Schreiben

Schon als Kind hatte ich den Traum, Schriftstellerin zu werden und entzückte meine Verwandtschaft mit Geschichten über Esel und Abenteuer. Ich weiß noch, dass ich in der Grundschule beim Aufsatz nicht aufhören konnte und eine Stunde länger blieb. Und wie stolz ich war, wenn ich meine Geschichten vor der Klasse vorlesen durfte (Performance war auch schon immer meins).

Ein Buch habe ich am Ende wirklich geschrieben – meine Dissertation. Und dabei gemerkt

  1. wie quälend ein Schreibprozess sein kann
  2. wie schwer es ist, so einen großen Stoff im Griff zu behalten
  3. wie doof es ist, wenn das fertige Buch keiner liest

Etwas zu sagen haben

Die Doktorandenstelle hatte ich mit kleinem Kind angenommen, weil ich weder eine andere Idee noch ein anderes Angebot hatte. Tatsächlich promovieren war damals nicht mein erstes Ziel, eher mich über Wasser halten. Aber irgendwie fand Prof. Dr. Zdzislaw Krasnodebski, mein Doktorvater, häufig die richtigen Sätze, die in meinem Lebenshumus aufgingen. In diesem Fall war es die Feststellung nach zwei Jahren Arbeit: „Du hast jetzt etwas herausgefunden und wenn Du es nicht aufschreibst, ist es weg.“ Dieser Satz,  banal aber wahr, hat mich durch die Arbeit getragen.

Ungeschriebene Großprojekte

In meiner anschließenden Orientierungsphase nach der Uni, gab es mehrere schriftstellerische Projekte, die heute unberührt in der Schublade liegen. Ehrlich gesagt, fehlten mir Stringenz und Selbstdisziplin so ein großes Ding anzupacken. Kind, Arbeit und Haushalt sind weitere schlagende Argumente. Später vielleicht.

Schreibschule Marketing

In meinem neuen Job lernte ich durch die Marketingabteilung viel über das Texten:

  • Keine Füllwörter
  • Kurze Sätze
  • Klare Aussagen
  • Immer die Wirkung auf den Leser im Blick behalten

Und dass man in gemeinsamen Korrekturläufen, Texte unglaublich verbessern kann. Dankeschön!

Blogger-Erfahrung

Meine Blogger-Urerfahrung verdanke ich Johannes Korten. Er ließ mich auf seinem Blog einen Beitrag schreiben, als mir das Fertigmachen von Frau Schavan so auf die Nerven ging. Und die Erfahrung war gigantisch geil:

  • Ich kann einfach meine Meinung aufschreiben und ins Internet-Universum stellen.
  • Es wird gelesen und reagiert. Ok, es gibt dann auch nicht nur Zustimmung – da muss ich noch üben.
  • Es muss kein Riesenprojekt sein, sondern ein kleiner Text. Ein Gedanke zu einem Thema. Handhabbar.

Vor zwei Jahren bekam ich die Gelegenheit für unser Unternehmen Blogbeiträge zu schreiben. Es wiederholte sich die positive Erfahrung, aber ich spürte auch den Druck von Themensuche, Anschluss halten, passende Fotos finden etc. Das Blog habe ich sehr gern und mit viel Liebe betrieben. Und schon damals den Wunsch nach „meinem“ Blog verspürt.

Mit meinem Wechsel in den neuen Job und die neue Welt war eigentlich klar, dass ich mein Blog starte, sobald ich Luft habe.

  1. Ich habe so viele Gedanken und Themen im Kopf – „wenn ich sie nicht aufschreibe, sind sie weg“.
  2. Ich schreibe so gern. Und habe so eine Freude, wenn mir ein schöner Satz, Absatz, Text gelingt.
  3. Ich liebe es, mit meinen Positionen wahrgenommen zu werden – und glaube, wie bei der Arbeit am Text daran, dass Positionen in der Auseinandersetzung besser werden.

Und noch eins: Meine ersten Blogger-Wochen waren auch deshalb so schön, weil ich sehr liebevoll von vielen Bloggern und Internetlern begrüßt worden bin. Danke für den tollen Start!

 

Gedankensplitter: Expertenwissen

Gewalt an Frauen

 Letzthin war ich in einem Kreis von Menschen, die diskutierten, ob das blaue Auge und der dicke Bluterguss am Arm einer Bekannten der Fahrradsturz sein kann, den sie als Begründung angab. Alle in dieses Gespräch Involvierten hatten genaue Kenntnis, wie ein potentieller Schläger die Frau am Arm festhält, wie er zuschlägt und dass für einen Fahrradsturz die Schürfwunden fehlen.

Expertenwissen, dass mir komplett fehlt – bzw. fehlte. Denn als ich der Frau ansichtig wurde, hatten die Thesen Hand und Fuß. Mich gruselt diese gewonnene Kenntnis und ich wünsche mir meine Naivität zurück.

 

 

 

 

Wechseljahre

In der Lebensmitte hat man die Hälfte hinter sich – und die Hälfte vor sich

In der Mitte des Lebens hat man die Hälfte hinter sich. Irgendwie scheinen Geist und Körper diese Banalität so zu verdrängen, dass es uns statistisch erst einige Jährchen nach der Lebensmitte ereilt:  Midlife-Krise und Wechseljahre.

Körperlicher Abbau: langsamer Einstieg in das Leben mit Brille über das günstige Einstiegs-Angebot der Drogerien – so erspart man sich die fachliche Diagnose „Altersweitsicht“. Bei einem Umzug kann kaum noch jemand der eigenen Altersklasse bei der Waschmaschine anfassen.

Nachlassende Attraktivität: Der Geist ist willig, aber das Fleisch wird irgendwie immer schwächer. Nicht nur bei einem selbst. Auch bei einem gleichaltrigen Gegenüber. Hier versprechen Drogerien Unterstützung. Wir wissen um deren Begrenztheit und greifen trotzdem zu.

Kulturell gealtert: Wenn mein Sohn mir Musik vorspielt, von Filmen erzählt, mir diese komischen Spiele zeigt und Sprüche klopft, merke ich: ich bin raus! Mein Herz schlägt bei alten Liedern, Filmen etc. Ich kenne Menschen meines Alters, die mehr En Vogue sind und Anschluss halten. Mir scheint aber, auch das hat einen Preis, der mit den Drogerie-Angeboten vergleichbar ist.

Verengter Horizont und Blick in den Rückspiegel

Das Einschneidenste ist jedoch der verengte Horizont. Was ich jetzt nicht mache, werde ich vermutlich nie mehr machen und viele Sachen, kann ich schon jetzt nicht mehr in Angriff nehmen:

  • Ich werde nie mehr ein Pop-Star
  • Ich werde keine Großfamilie mehr gründen
  • Ich werde nie mehr Handstand-Überschlag machen

Der Blick zurück hat mehr zu bieten, als der nach vorne:

  • Ich bin im Elbsandsteingebirge durch den Kamin geklettert
  • Ich habe in Nordkorea gesungen (und mich gegruselt)
  • Ich habe ein Kind geboren und (schon fast) großgezogen
  • Ich habe tolle Projekte umgesetzt

Aber ich fühl mich viel zu jung, um in der Vergangenheit zu leben. Schließlich gehöre ich zur ersten Generation mit ausufernder Jugendphase und meine Mutter sagte neulich erst: „Wer so lang 16 war wie Du, von dem kann man nicht erwarten, dass er plötzlich 52 ist.“ Auf der anderen Seite war ich nie ein Anhänger der These, man sei immer so alt wie man sich fühle… das kann zu enormen Irrtümern führen.

Ein Aufbruch bereitet immer auch Schmerzen

Vor einem Jahr zog ich mit Sack und Pack und einem gerade 15-jährigen Jungen aus der Möchtegern-Großstadt Bremen nach Emden in die echte Peripherie. Neues Leben, neuer Job, neue Themen.

Ich lüge, wenn ich behaupte, es sei einfach.

  • Ich vermisse die über viele Jahre gewachsenen Freundschaften. Mein Drang bei jedem Frei in die heimischen Sphären und die Arme meiner Freundinnen zu segeln ist groß und behindert gleichzeitig die Neuausrichtung am neuen Ort. Erwarteter Weise haben die Menschen meines Alters einen gesättigten Freundeskreis. Man hat nicht wirklich auf mich gewartet.
  •  Die Konflikte mit dem ob der Umsiedlung berechtigterweise komplett wütenden Kind waren schrecklich. Ich bin selig, dass er mir verziehen hat, aber immer noch extrem erpressbar. Dazu neigen Alleinerziehende mit ewig schlechtem Gewissen und ich im Besonderen sowieso.
  •  Der neue Job erweist sich als superherausfordernd. Spannung hat seinen Preis und fehlende Routine kann beim Rennen gegen die Zeit ganz schöne Schmerzen verursachen.

Erstes Fazit

Ich habe es nicht bereut! Es war das wildeste Jahr, an das ich mich erinnern kann. Ich habe noch nie so hart gekämpft und jetzt nach einem Jahr auf das erste Ergebnis zu blicken, macht mich richtig stolz und glücklich:

  • Ich habe im Job bestanden
  • Ich habe erste freundschaftliche Bande zu ganz phantastischen Menschen geknüpft
  • Meinem Sohn geht es mittlerweile gut am neuen Ort
  • Dieses Ostfriesland gefällt mir richtig (inkl. Ostfriesentee)

Und ich bin extrem neugierig auf das, was kommt. Das ist ein wirklicher Lebens-Luxus in meinem Alter, den ich demütig zu schätzen weiß.