Haarige Angelegenheit

Get your Winterleggings on!

Vor ein paar Tagen habe ich ein Bild gepostet. Darauf eine gezeichnete Frohnatur mit Stoppeln an den Beinen. Dazu der Schriftzug: „Get your Winterleggings on!“ Die Reaktionen waren verhalten, tadelnd, entsetzt – wenn auch immer mit einem gewissen Augenzwinkern.

Nena – die Achselhaar-Rebellin

In meiner Jugend gab es eine Nena mit Achselhaaren. Ich – selbst zu dieser Zeit Rebellin – bekam nicht einmal mit, dass ihr Achselhaar in den Medien und überhaupt als Zeichen der Rebellion gewertet wurde. Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich war fest davon überzeugt, im Miteinander gehe es stets, in erster Linie und immer um die inneren Werte. In dieser Hinsicht war mein Sohn in der Grundschule schon weniger naiv, als er mir verkündete, bei Mädchen seien eigentlich nur zwei Sachen wichtig: Das Innere und das Äußere.

Haarfreie Zone Kuba

Die erste bewusste Konfrontation durch meine Körperbehaarung erlebte ich als junge Frau auf Kuba Ende der achtziger Anfang der neunziger Jahre (Man bedenke, das war im letzten Jahrhundert!). Nachdem ich rudimentäre Sprachkenntnisse erlangt und liebe Freunde kennengelernt hatte, kam das Gespräch auf diese von mir bis dato unbeachtete Äußerlichkeit. Auch öffentlich wurde mir ein „afeitate“ (rasier dich!) nachgerufen. Meine Antwort: „das ist bei uns nicht üblich“. Nur eine Nischenwahrheit, wie mir später bewusst wurde. Aber sie war Anlass genug, meine lesbische Freundin zu dem Experiment „Körperbehaart auf Kuba“ zu verleiten. Sie rasierte sich nicht mehr Achseln und Beine und begründete das mit einer bevorstehenden Deutschlandreise, auf der man ihr bei fehlender Körperbehaarung Ungezieferbefall nachsagen würde. Aufruhr und Rebellion!

Familienkultur

Meine Schwester hatte durch ihre Arbeit auf der Geburtsstation eines Krankenhauses breiter gefächerte Einsichten in die deutsche Enthaarungskultur und irgendwann erreichte sie auch unsere Familie. Erst theoretisch, dann durch den Kauf erster Einmal-Rasierer. Unvergessen bleibt der schwesterliche Fauxpas bei der ungeübten Beinrasur direkt vor einem Sommerfest sich einmal am rechten Schienbein entlangzuschneiden. Und die spöttischen Bemerkungen meiner Mutter zu dem Manipulationsversuch  von Gottgegebenem.

Die Natürlichkeit meiner Mutter führte zu einer anderen haarigen Familiengeschichte. Beim familialen Begriffe-Raten, sollte sie uns das Wort „Tisch“ entlocken. Sie legte ihre Arme auf den Tisch und sagte siegessicher: „Es ist unter meinen Armen“. Darauf meine damals 12-jährige Nichte: „Achselhaar!“

Mit einem kurzen sehr schmerzhaften Umweg über eine Epiliermaschine bin ich heute ganz gut im Status Quo angekommen. Manchmal denke ich an die vielen rasierten Quadratkilometer, die ich getätigt habe. Wie große Golffelder breiten sie sich in meiner Vorstellung aus. Und dann zuckt sie wieder die kleine Körperkultur-Rebellin: Get your Winterleggings on!

 

 

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