Social-Media-Foto-Welt

Ich habe nie gern fotografiert. Seit ich mit meinem Smartphone unterwegs bin, ist das anders geworden. Ständig mache ich Naturbilder. Ein Erklärungsversuch.

Familienfotos Teil I

Von meinem großen Bruder gibt es ein Fotoalbum vom ersten Lebensjahr. Von uns drei anderen plus ihm dann nochmal eins von der gesamten Kindheit. Es waren die geburtenstarken Jahrgänge. Zwischen Windeln und Geschrei blieb wenig Zeit und Muße, bezaubernde Momente festzuhalten – und vielleicht auch wenig bezaubernde Momente.

Einmal kam in späteren Jahren noch der Sohn meiner Patentante zu einer Fotosession vorbei und das war es. Damals hatte meine Schwester dann schon einen Fotoapparat – zumindest possiert sie damit auf einem dieser Fotos. Ich hatte auch so ein Gerät und erinnere mich an das ständig leere Filmfach. Ein paar sehr schlechte Fotos von meinem damaligen Hund belegen, dass es auch einen Film gegeben haben muss.

Fotokurs: Solarisation und Dunkelkammer

Als ich in einer meiner schulischen Schleifen die Fachoberschule für Gestaltung besuchte, wurde Fotografieren Unterrichtsfach. „Der Baum im Hintergrund darf nicht aus dem Kopf des Portraitierten wachsen“. Mit diesem Kurs ging es auch auf die schönste Klassenfahrt ever. Wir malten, fotografierten und diskutierten. Spacy. Also, ich malte und war supergern Modell für die Fotografen (zusätzlicher Benefit: schöne Fotos für neue Liebhaber). Dunkelkammer ging ein wenig besser: Das Geheimnis der Solarisation, das langsame Entstehen von Bildern. Spooky.

Aber selber fotografieren. No way. Als würde sich die Kamera zwischen mich und die Welt schieben. Die fotografische Erinnerung hatte für mich immer den Preis den Moment nicht wirklich zu erleben.

Familienfotos Teil II

Der Vater meines Sohnes wollte als kubanischer Einwanderer alles Neue festhalten und die Errungenschaften der technisierten Welt, in die er ausgewandert war, nutzen. Ein Fotoapparat wurde angeschafft und es war eine meiner ehelichen Pflichten, Fotos des Gatten vor Monumenten, Autos etc. zu machen, damit die Familie sich im fernen Zuhause ein Bild von seinem Leben machen konnte. Ich wäre lieber selbst Motiv gewesen, fand aber, dass der Mann selbst auf diese Idee kommen sollte. Ich scheiterte mit diesem heimlichen Wunsch. Also die alten Regeln ausgepackt: Goldener Schnitt, der Eifelturm darf nicht aus dem Kopf wachsen,…

Als das Baby da war, gab es noch eine Reihe Vater-Baby, Baby, Baby-Vater-Bilder (das ist natürlich übertrieben!) bis dann der Vater mit dem technischen Gerät (und den Fotos) auszog. Meine Mutter schenkte mir sofort einen Fotoapparat, damit die Kinderjahre meines Sohnes in Erinnerung blieben. Die heimliche Erwartung, auch selbst mit Fotos versorgt zu werden, wurde genauso wenig erfüllt wie der andere Anlass des Geschenks. Zum Glück fotografierte der Patenonkel aus der Hausgemeinschaft. Und ich bin sehr glücklich, dass mein Sohn zu seiner Konfirmation ein schönes Fotobuch über seine ersten Jahre von ihm bekam.

Fotografieren als soziale Handlung

Erst mit den sozialen Medien hat sich meine Haltung zum Fotografieren geändert. Es ist das Unmittelbare, was es mir ermöglicht zu fotografieren. Fotografieren und teilen ist eins. Es entstehen Erlebnisse genau dadurch. Ich sehe etwas, fotografiere, teile es to whom it may concern und es folgen Kommentare, Reaktionen. Fotografieren wird zur sozialen Handlung, zur Kommunikation… Nach wie vor fällt es mir schwer Fotos von Menschen zu machen. Ganz gleich, ob ich mich unterhalte oder jemanden beobachte, ich möchte kein technisches Gerät zwischen mir und diesen Menschen. Ich fotografiere die Kanäle, den Himmel, Bäume, am liebsten spiegelnde Wasserflächen. Das geht so gut in Emden.

Blick für die Schönheit der Welt

Mit dem Fotografieren ist noch etwas entstanden. Die Suche nach Motiven ändert meinen Blick. Ich suche und sehe das Schöne. Und ich staune, wie viel Schönes es gibt. Aber ich manipuliere auch: Ich entdecke Perspektiven, die das Licht heller scheinen lassen, das Gras grüner. Oder ich verenge den Bildausschnitt bis mir gefällt, was auf dem Display erscheint. Die ständige Aufmerksamkeit für das Schöne macht mich ein wenig glücklicher. In diesem Zusammenhang wirkt die Kamera (ok, es ist ein Handy) nicht als Störer sondern als Verstärker meiner Wahrnehmung für die schönen Dinge des Lebens.

Manchmal habe ich Sorge, dass diese neue Hingabe zu den kitschig schönen Motiven meinen Scharfsinn schleift und ich mich in einer oberflächlichen und realitätsfernen Fototapetenwelt einrichte. Aber ehrlich gesagt, kümmert sich die Welt ganz aufmerksam darum, dass das nicht geschieht. Nur das ist wieder ein anderes Kapitel.

Haarige Angelegenheit

Get your Winterleggings on!

Vor ein paar Tagen habe ich ein Bild gepostet. Darauf eine gezeichnete Frohnatur mit Stoppeln an den Beinen. Dazu der Schriftzug: „Get your Winterleggings on!“ Die Reaktionen waren verhalten, tadelnd, entsetzt – wenn auch immer mit einem gewissen Augenzwinkern.

Nena – die Achselhaar-Rebellin

In meiner Jugend gab es eine Nena mit Achselhaaren. Ich – selbst zu dieser Zeit Rebellin – bekam nicht einmal mit, dass ihr Achselhaar in den Medien und überhaupt als Zeichen der Rebellion gewertet wurde. Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich war fest davon überzeugt, im Miteinander gehe es stets, in erster Linie und immer um die inneren Werte. In dieser Hinsicht war mein Sohn in der Grundschule schon weniger naiv, als er mir verkündete, bei Mädchen seien eigentlich nur zwei Sachen wichtig: Das Innere und das Äußere.

Haarfreie Zone Kuba

Die erste bewusste Konfrontation durch meine Körperbehaarung erlebte ich als junge Frau auf Kuba Ende der achtziger Anfang der neunziger Jahre (Man bedenke, das war im letzten Jahrhundert!). Nachdem ich rudimentäre Sprachkenntnisse erlangt und liebe Freunde kennengelernt hatte, kam das Gespräch auf diese von mir bis dato unbeachtete Äußerlichkeit. Auch öffentlich wurde mir ein „afeitate“ (rasier dich!) nachgerufen. Meine Antwort: „das ist bei uns nicht üblich“. Nur eine Nischenwahrheit, wie mir später bewusst wurde. Aber sie war Anlass genug, meine lesbische Freundin zu dem Experiment „Körperbehaart auf Kuba“ zu verleiten. Sie rasierte sich nicht mehr Achseln und Beine und begründete das mit einer bevorstehenden Deutschlandreise, auf der man ihr bei fehlender Körperbehaarung Ungezieferbefall nachsagen würde. Aufruhr und Rebellion!

Familienkultur

Meine Schwester hatte durch ihre Arbeit auf der Geburtsstation eines Krankenhauses breiter gefächerte Einsichten in die deutsche Enthaarungskultur und irgendwann erreichte sie auch unsere Familie. Erst theoretisch, dann durch den Kauf erster Einmal-Rasierer. Unvergessen bleibt der schwesterliche Fauxpas bei der ungeübten Beinrasur direkt vor einem Sommerfest sich einmal am rechten Schienbein entlangzuschneiden. Und die spöttischen Bemerkungen meiner Mutter zu dem Manipulationsversuch  von Gottgegebenem.

Die Natürlichkeit meiner Mutter führte zu einer anderen haarigen Familiengeschichte. Beim familialen Begriffe-Raten, sollte sie uns das Wort „Tisch“ entlocken. Sie legte ihre Arme auf den Tisch und sagte siegessicher: „Es ist unter meinen Armen“. Darauf meine damals 12-jährige Nichte: „Achselhaar!“

Mit einem kurzen sehr schmerzhaften Umweg über eine Epiliermaschine bin ich heute ganz gut im Status Quo angekommen. Manchmal denke ich an die vielen rasierten Quadratkilometer, die ich getätigt habe. Wie große Golffelder breiten sie sich in meiner Vorstellung aus. Und dann zuckt sie wieder die kleine Körperkultur-Rebellin: Get your Winterleggings on!