Ostfriesland – Annäherungen an die neue Heimat

Strafversetzt ins Paradies

„Und? – darf man fragen, warum Sie hierhin gezogen sind?“ lautet in aller Regel die zögerlich, fast ängstliche Nachfrage auf meine Vorstellung als Neubürgerin Emdens, die aus Bremen zugezogen ist. In dieser Nachfrage liegt so etwas wie eine bange Erwartung: Bestimmt zwangsversetzt! Oder: ein Fehler aus Liebe.

Wenn ich daraufhin erhobenen Hauptes entgegne, dass ich freiwillig in Emden bin und es mir in Ostfriesland gefällt, fährt ein Leuchten durch die Gesichter. Mir wird freudvoll von Heimkehrern berichtet, die es in der großen Welt nicht ausgehalten haben. Die positiven Charaktereigenschaften der Ostfriesen werden dargestellt. Ich werde auf kulturelle Highlights und „Musts“ hingewiesen. Eine eindeutige Botschaft: Hier lässt es sich besonders gut leben. Wir haben uns und Anschluss an Hochkultur und Zivilisation und sind ein ganz prima Völkchen.

Ostfriesland – Witzeland

Als Kind haben wir uns in meiner Ursprungsheimat dem Sauerland (auch nicht gerade ein urbanes Zentrum) Ostfriesenwitze erzählt. Ich wusste damals nicht, dass es wirklich Ostfriesen gibt. Sie waren für mich ein Pendant zu Fritzchen, den Schildbürgern, Till Eulenspiegel und diesem Mann auf der Kanonenkugel. Märchenwelt – Witzewelt. Besonders geistreich erschien mir die Idee, wie Ostfriesen den Fernseher scharf stellen (Antwort: mit Salz und Pfeffer). Wir dagegen hämmerten mit der Faust auf dem Gerät herum oder ein Geschwister musste an einem bestimmten Standort verharren, damit wir durch den Schnee etwas sehen konnten. Jajaja, so war es damals (!).

Dann bekamen wir eine Otto-Platte. Aber den berühmtesten Bürger Emdens hatte ich bis vor einem Jahr überhaupt nicht dieser Stadt zugeordnet. Mein kleiner Bruder heulte damals, weil er die englischen Witze als Grundschüler nicht verstand (Peter, Paul and Mary are planning a bank-robbery). Ich verstand sie auch nicht, lachte aber fleißig, um mir keine Blöße zu geben und mit meinen großen Geschwistern mitzuhalten (ich hatte schließlich schon seit ein paar Monaten Englisch) – und wer weiß, vielleicht lachten sie aus einem ähnlichen Grund.

Ostfriesische Landschaft

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Naturmädchen bin. Mein Sohn fragte mich als er fünf Jahre alt war, wie denn ein Wald aussehe und ob es dort wirklich Hexen und Füchse gebe. Aus Mutterliebe – und mit mächtig schlechtem Gewissen – erkundigte ich mich sofort nach dem nächsten Wald bei Bremen und brachte mein Kind dorthin.

Ich kann nicht genau sagen, ob es meine berufliche Identifikation ist, die mich ständig dazu auffordert, die landschaftlichen Schönheiten Ostfrieslands zu preisen oder ob es einfach „meine Landschaft“ ist (diese These stammt übrigens von meiner schlauen Mutter). Der Himmel, die Kanäle, das Grün – es kracht mir alles ungebremst ins Herz.

Randlage Deutschlands

Unterschätzt hatte ich die Randlage, in die ich mich begeben habe. Möchte ich heute irgendwohin, ist es IMMER weit. Das heißt, ich überlege gut, bevor ich aufbreche und entsprechend breche ich nicht so oft auf… Es kommt nur zu Besuch, wer wirklich will. Es entsteht ein sehr deutliches Gefühl von „Ab-vom-Schuss“.

Man sagt hier nicht „Ich schau vorbei“ wurde ich bei einem ersten Zusammentreffen mit alten Ostfriesen belehrt, sondern „Ich schau rein“. Obwohl ich den Verdacht habe, dass die alten Herren mir als naivem Neuling so allerlei als typisch ostfriesisch auftischen und auftischen können.

Der typische Ostfriese

Aber mein Blick von außen nimmt auch karikierend scharf das Neue wahr. Und die Ostfriesen sind für mich ein ganz besonderes Völkchen:

  • zwischen Stolz und Minderwertigkeitsgefühlen
  • demütig im positiven und negativen Sinn
  • trinkfest und feierfreudig
  • handfest und alltagsklug
  • naturverbunden, wettergegerbt und widerstandsfähig
  • beinfleißig
  • mir sehr sympathisch

Dies ist eine erste Zuschreibung nach einem Jahr in einer neuen Welt. Ich werde weiter Augen, Ohren und Herz offen halten, um zu erfahren, wo ich hier gelandet bin.

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2 Gedanken zu “Ostfriesland – Annäherungen an die neue Heimat

  1. Oooh! Wie! Schön!!!! Ich habe gerade deinen Blog über Wortkonfetti entdeckt und freue mich soooo sehr, denn ich bin auch Emderin und wohne direkt auf der anderen Seite der Kesselschleuse direkt am Kanal :-). Welch schöner Beitrag zu Emden und toll, dass es dir hier gefällt. Ich bin freie Autorin und Schriftstellerin und schreibe für mein Leben gern. Auf meiner Seite *Kleines Frollein Muuske* bei Facebook findest du einen kleinen Teil von mir, immer im nordisch-flachsigen Wortlaut geschrieben. Ich würde mich freuen, wenn du mal vorbei schaust auf meiner Seite dort oder bei Instagram :-). Alles Liebe für dich und lass dich hier nienienie unterkriegen, wir Ostfriesen sind nicht immer einfach, aber sehr nette und offene Menschen (anders, als unser Ruf uns vorauseilt). Jenny

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