Schutzengel gesucht!

Ich war nie eine Ich-mach-mir-Sorgen-Mutter

Ich war nie eine ängstliche Glucken-Mutter. Als mein Sohn ein Baby war – natürlich das süßeste Baby der Welt, sah ich ihn besonders gern bei anderen auf dem Arm, da ich dann seine ganze Pracht genießen konnte und nicht nur auf die Fontanelle schaute.

Ich erinnere mich, als er das erste Mal mit einem Kumpel aus der Nachbarschaft im Park alleine spielen durfte. Um 18:00 sollten sie zu Hause aufschlagen. Die beiden Jungs im Vorschulalter konnten die Uhr noch nicht. Wer mich ein wenig kennt und ahnt, dass mein Erst- und Einziggeborener ein wenig nach mir schlägt, weiß, dass es nicht gut gehen konnte. Nachbarseltern machten sich Sorgen – und wir uns gemeinsam auf die Suche. Laut die Namen der Kinder rufend dachte ich irgendwann: Jetzt musst Du mal anfangen, Dir Sorgen zu machen –  für den Fall, dass wirklich was passiert ist. Und ich presste mich in dieses Gefühl hinein.

Aber mein Junge war auch wirklich super in Sachen Sicherheit: An jeder Bordkante blieb er stehen und wartete auf mein Loszeichen; ich konnte mit ihm über den Weihnachtsmarkt bummeln, ohne ihn an die Hand zu nehmen, da er immer bei mir blieb (diese Sicherheit führte manchmal zu dem vorübergehenden Verlust von Leihkindern, da ich gar nicht darauf gepolt war, die Süßen ständig im Blick zu haben); und er konnte unglaublich gut sein körperliches Leistungsvermögen einschätzen. Wenn er sich als 5-jähriger vornahm sieben Stufen zu überspringen, schaffte er es auch. Und die achte Stufe sprang er nicht.

Auch außerhalb meines Gesichtsfelds war ich nicht die Sorgen-Mutter. Mit einer Freundin starteten wir die ersten Mein-Baby-schläft-heute-bei-Dir-und-ich-gehe-aus-Aktionen. Während Sie sich mit Tränen in den Augen bei uns losriss, ließ ich im Gegenfall das Handy zu Hause, weil es in der Handtasche auftrug (damals waren die Handys noch nicht so flach) und ich sicher war, dass alles gut geht. Ging es auch. Mein Junge litt nie unter Heimweh und zog immer mit großer Freude in die Welt hinaus. Ausreisen und Klassenfahrten waren für uns beide Auszeiten, die wir freudvoll erwarteten, intensiv durchlebten, um dann erlebnissatt und mit Freude und Sehnsucht aufeinander wieder zusammen zu treffen.

Hormonüberschuss

Und jetzt? Jetzt löst er sich aus dem mir vertrauten Muster (oder löse ich mich?). Er macht sein eigenes Ding und ich mir Sorgen. Zum ersten Mal wünsche ich mir einen Sohn, der schon immer wusste, dass er Sparkassenangestellter wird oder Versicherungskaufmann/Innendienst. Ich wünsche mir für ihn andere Vorbilder als diese kiffenden Mülltonnen-Hinterhof-Gangsta-Rapper. Ich möchte ihn brav, fleißig und angepasst, damit ihm nichts passiert, was nicht wieder gut zu machen ist (Scheiß auf offene Horizonte!).

Das Ende der Erziehung

Jesper Juul – ein bekannter dänischer Pädagoge – sagt, die Erziehung sei mit 12 Jahren beendet. Dieser Hang zum Nachjustieren, den Eltern in der Pubertät der Kinder entwickelten, sei nicht wirklich förderlich. Bei mir schlägt das Nachjustieren voll durch. Das schlechte Gewissen über möglicherweise Versäumtes, schnellt als Fundamental-Vorwurf auf das Kind herunter, aus lauter Sorge, dass etwas in seiner Entwicklung grundlegend danebengehen könnte. Unterstützt werden die emotionalen Auf und Abs sicherlich durch die hormonelle Doppelbelastung in unserem Kleinhaushalt (Pubertät und Wechseljahre unter einem Dach sind kein Spaß!).

Gebrauchslyrik

Das Gedicht „An meinen Schutzengel“ von Mascha Kaléko ist mir in dieser ungewohnten Not seit einiger Zeit ein treuer Begleiter. Kaléko wird manchmal als Gebrauchslyrikerin abgestempelt. Ich finde, bzgl. dieses Gedichts gibt es kaum ein größeres Kompliment. Und vielleicht kann es ja auch einer von euch gebrauchen:

An meinen Schutzengel

Den Namen weiß ich nicht. Doch du bist einer

Der Engel aus dem himmlischen Quartett,

Das einstmals, als ich kleiner war und reiner,

Allnächtlich Wache hielt an meinem Bett.

 

Wie du auch heißt – seit vielen Jahren schon

Hältst du die Schwingen über mich gebreitet

Und hast, der Toren guter Schutzpatron,

Durch Wasser und durch Feuer mich geleitet.

 

Du halfst dem Taugenichts, als er zu spät

Das Einmaleins der Lebensschule lernte.

Und meine Saat, mit Bangen angesät,

Ging auf und wurde unverhofft zur Ernte.

 

Seit langem bin ich tief in Deiner Schuld.

Verzeih mir noch die eine – letzte – Bitte:

Erstrecke deine himmlische Geduld

Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.

 

Er ist mein Sohn. Das heißt: Er ist gefährdet.

Sei um ihn tags, behüte seinen Schlaf.

Und füg es, daß mein liebes schwarze Schaf.

Sich dann und wann ein wenig weiß gebärdet.

 

Gib du dem kleinen Träumer das Geleit.

Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen.

Und bleibt dir dann noch etwas freie Zeit,

Magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen

Schulfahrten-Boykott der niedersächsischen Gymnasien

Schüler demonstrieren gegen den Klassenfahrt-Boykott

„Na, schaun wir mal, ob es mit den Buchungen noch einen Schub gibt. Heute streiken ja schon mal die Schüler, “ begrüßte mich gestern unser Nachtwächter, der auch während unserer Winter-Schließzeit fast täglich vorbei kommt, nach dem Rechten sieht und einen Blick in die Zeitung wirft.

„Hast Du gesehen, der Herbergsleiter von Worpswede war im Fernsehen – die haben auch Einbußen wegen des Schulfahrtenboykotts“, schreibt mich eine Mitarbeiterin auf Facebook an, die ebenfalls gerade im „winterfrei“ ist.

Natürlich ist für uns als Jugendherberge in Niedersachsen der Schulfahrtenboykott von niedersächsischen Gymnasiallehrern ein Thema. Und was für eins. Vor einem Jahr habe ich noch gedacht, die Effekte flutschen an unserer Jugendherberge vorbei, aber… nö!

Der Konflikt

Was ist passiert? Kurz: eine Stunde Mehrarbeit hat für viele Gymnasiallehrer und Ihre Vertretungen das Fass zum Überlaufen gebracht (der Inhalt dieses Fasses besteht aus vielen Fassetten und dem Grundgefühl im Dienstherren keine Unterstützung zu bekommen, da Interessen und Mittel in die Gesamtschulen flössen und die Gymnasien ausgetrocknet würden). Die Reaktion: dann verrichten wir auch keine freiwilligen Leistungen mehr – wie zum Beispiel Klassenfahrten. Natürlich geht das mit dem Dienst nach Vorschrift nicht in Gänze. So fahren zum Beispiel die Emder Schulen weiter ins Ausland (wegen geltender Verträge). Auch Tagesausflüge finden statt. Es schmerzt mich so richtig, dass ausgerechnet wir Jugendherbergen durchs Rost fallen. Und natürlich mache ich mir Sorgen.

Jugendherbergen als Klassenfahrts-Branche

Die Jugendherbergen finanzieren ihr laufendes Tagesgeschäft aus ihren Einnahmen. Wir leben von dem, was unsere Gäste für unser Angebot bezahlen. Das finde ich auch sehr richtig und gut. Und ich finde es auch gut, dass wir unseren Mitarbeitern mindestens den Mindestlohn zahlen. Die Herausforderung in sozialen Bereichen wirtschaftlich zu agieren, halte ich für eine zentrale Anforderung – nicht in dem Sinn, die Solidargesellschaft auszuhebeln, sondern dass auch und gerade soziale und gemeinnützige Unternehmen sehr, sehr sorgsam mit den finanziellen Mitteln umgehen müssen, damit ein Hochmaß in den gemeinnützigen oder Förderzweck fließen kann. Das ist aber noch einmal eine andere Diskussion. Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter, nicht nur aber auch, weil sie bei ganz vielen Dingen an die Kosten und ans Budget denken. Ein Rückgang von Buchungen macht mir und muss mir auch Kopfzerbrechen machen. Und es ist sehr unschön, dass ich (trotz des Angebots von Freiplätzen bei Klassenfahrten, trotz unserer Aktivitäten, die Jugendherberge zu verschönern, trotz eines tollen Programmangebots) keine wirksame Stellschraube habe, weil der Klassenfahrt-Boykott ein Boykott ist.

Traditionen und Marktgesetze 

Ich erwarte nicht, dass Lehrer auf Klassenfahrt fahren, um unsere Arbeitsplätze zu sichern. Ich möchte ein Produkt anbieten, dass es wert ist, gekauft zu werden. Jugendherbergen sind vor mehr als 100 Jahren entstanden, um Kindern zu ermöglichen aus ihrem (Schul-)Alltag auszubrechen, etwas Neues in einem sozialen Miteinander zu erleben. Dazu gehören Streiche und Blödsinn genauso wie Heimweh, Konflikte und wieder vertragen (und auch die von mir sehr geliebten Szenen der Souveränitätserprobung vor dem Süßigkeiten-Automaten). Klar, damals, als sich das Ruhrgebiet rasant entwickelte und die zwischen Grube und Stahlwerk aufwachsenden Kinder kaum mal die Sonne gesehen haben, drehte sich die Welt ganz anders. Aber auch heute kommen viele Schüler zu uns, die noch nie zuvor einen Fuß ins Watt gesetzt haben und sich wundern, dass Muscheln an den Füßen wehtun. Kinder, die stolz sind, eine Woche fern von Heimat und Familie (und manchmal sogar ohne Handy) ganz gut zu überstehen. Wenn eine Klassenfahrt nicht mehr für Kinder, Klasse und Klassengemeinschaft einen Mehrwert bringt, der Aufwand und Kosten rechtfertigt, eine Klasse auseinander läuft statt zusammen zu wachsen, wenn es so ist, dass unsere Angebote keinen ausreichenden Nutzen haben, dann ist es so wie mit anderen Produkten und richtig: Sie verschwinden vom Markt und wir müssen uns neuen Tätigkeitsfeldern zuwenden.

Klassenfahrt ist als Politikum zwischen die Fronten gerutscht

Aber ich habe das Gefühl, dass die Klassenfahrt als Thema zwischen die Fronten gerutscht ist und von den Entscheidern überhaupt nicht inhaltlich behandelt wird. Und ich habe die große Sorge, dass mit dem Schulfahrten-Boykott ein Traditionsabbruch ohne jede inhaltliche Auseinandersetzung – weder über Sinn und Zweck, noch über Qualitätsansprüche an eine Klassenfahrt  – eingeläutet werden könnte.

Die Fronten zwischen Bildungsministerium und Gymnasiallehrern sowie deren Interessenvertretern verhärten sich. Und schaut man sich z. B. die Forderungen der Lüneburger Gymnasien an, erkennt man sofort, dass bei einer Umsetzung ihrer 10 Punkte-Forderungen, bei deren Einführung sie wieder auf Klassenfahrt fahren würden, ein Vielfaches an Kosten entstünde als die 80 Mio. angestrebten Einsparungen, die mit der vom Bildungsministerium verhängten Stunde Mehrarbeit erreicht werden sollte.

Lehrer unter Druck

Ich möchte nicht über die Situation der Gymnasiallehrer urteilen – das machen schon genug. Ich kann mir vorstellen, dass es anstrengt, nach jedem Regierungswechsel die nächste immerwährende Schulreform – bis zum nächsten Regierungswechsel – umzusetzen. Arbeitsverdichtung ist nicht nur ein Thema außerhalb der Schulen. Die Bertelsmann-Stiftung hat einmal eine Publikation veröffentlicht, die aufzeigt, wie sich – unter dem Reformdruck des Bildungssystems – die Lehrer in der Zerreissprobe zwischen Politik und Schulbehörde, Eltern und Kindern und dem gesamtgesellschaftlichen Blick auf Schule befinden. Und ein wenig anders als bei einem Arzt, dem auch schon jeder bei der Berufsausübung begegnet ist, finden wir Normalmenschen doch zu gern: „Lehrer könnte ich auch. Und zwar besser.“ Ich mag dieses „Bashen“ nicht

Gleichzeitig staune ich manchmal, wenn Lehrer sich über negative Veränderungen ihrer Arbeitswelt beschweren, die bei anderen schon immer so waren – wie z.B. immer mehr Nachmittags- und Abendtermine. Da lebt sicher jede Branche unter der eigenen Glocke. Ich z.B. habe nie auf die Uhr geschaut (Leider fällt mir das auch morgens schwer). Aber wie so eine Saison ohne Wochenenden und Urlaub beißen kann, wusste ich nicht bis ich es im letzten Jahr zum ersten Mal erleben durfte. So ein Tatort funktioniert überhaupt nicht, wenn man ihn mit hängender Zunge direkt nach Feierabend einschaltet.

Und da schließt sich der Kreis meiner Überlegungen. Wenn ich ein gewisses stereotypes Bild über Lehrer habe, dann das, dass viele von Ihnen ihr Leben fast vollständig im Schul- und Bildungskontext bzw. im Klassenzimmer verbracht haben. Klassenfahrten bieten nicht nur für Schüler in dieser Hinsicht einen Perspektivenwechsel. Es ist auch ein spannendes Erlebnisfeld für Lehrer – und wir tun alles, dass es nicht nur spannend, sondern auch freudvoll wird. Hey, that’s our job!

 

Einige Links zum Klassenfahrt-Boykott der niedersächsischen Gymnasien:

http://www.hannover.sat1regional.de/aktuell/article/jugendherbergen-schlagen-alarm-zu-viele-stornierungen-durch-klassenfahrt-boykott-138309.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Schueler-fordern-Ende-des-Klassenfahrt-Boykotts,klassenfahrten128.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/lehrer442.pdf

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Neues-Schulgesetz-Abschied-vom-Turbo-Abi,schule968.html

http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article134645144/Klassenfahrt-Boykott-schmerzt-Jugendherbergen.html

http://www.lehrerstuhl.de/2013/10/04/solidaritaet-fuer-lehrer-soll-scherz-sein/

http://www.taz.de/!124887/ 

https://www.emderzeitung.de/emden/~/kein-klassenfahrt-boykott-an-emder-schulen-82859/

 

 

Social-Media-Foto-Welt

Ich habe nie gern fotografiert. Seit ich mit meinem Smartphone unterwegs bin, ist das anders geworden. Ständig mache ich Naturbilder. Ein Erklärungsversuch.

Familienfotos Teil I

Von meinem großen Bruder gibt es ein Fotoalbum vom ersten Lebensjahr. Von uns drei anderen plus ihm dann nochmal eins von der gesamten Kindheit. Es waren die geburtenstarken Jahrgänge. Zwischen Windeln und Geschrei blieb wenig Zeit und Muße, bezaubernde Momente festzuhalten – und vielleicht auch wenig bezaubernde Momente.

Einmal kam in späteren Jahren noch der Sohn meiner Patentante zu einer Fotosession vorbei und das war es. Damals hatte meine Schwester dann schon einen Fotoapparat – zumindest possiert sie damit auf einem dieser Fotos. Ich hatte auch so ein Gerät und erinnere mich an das ständig leere Filmfach. Ein paar sehr schlechte Fotos von meinem damaligen Hund belegen, dass es auch einen Film gegeben haben muss.

Fotokurs: Solarisation und Dunkelkammer

Als ich in einer meiner schulischen Schleifen die Fachoberschule für Gestaltung besuchte, wurde Fotografieren Unterrichtsfach. „Der Baum im Hintergrund darf nicht aus dem Kopf des Portraitierten wachsen“. Mit diesem Kurs ging es auch auf die schönste Klassenfahrt ever. Wir malten, fotografierten und diskutierten. Spacy. Also, ich malte und war supergern Modell für die Fotografen (zusätzlicher Benefit: schöne Fotos für neue Liebhaber). Dunkelkammer ging ein wenig besser: Das Geheimnis der Solarisation, das langsame Entstehen von Bildern. Spooky.

Aber selber fotografieren. No way. Als würde sich die Kamera zwischen mich und die Welt schieben. Die fotografische Erinnerung hatte für mich immer den Preis den Moment nicht wirklich zu erleben.

Familienfotos Teil II

Der Vater meines Sohnes wollte als kubanischer Einwanderer alles Neue festhalten und die Errungenschaften der technisierten Welt, in die er ausgewandert war, nutzen. Ein Fotoapparat wurde angeschafft und es war eine meiner ehelichen Pflichten, Fotos des Gatten vor Monumenten, Autos etc. zu machen, damit die Familie sich im fernen Zuhause ein Bild von seinem Leben machen konnte. Ich wäre lieber selbst Motiv gewesen, fand aber, dass der Mann selbst auf diese Idee kommen sollte. Ich scheiterte mit diesem heimlichen Wunsch. Also die alten Regeln ausgepackt: Goldener Schnitt, der Eifelturm darf nicht aus dem Kopf wachsen,…

Als das Baby da war, gab es noch eine Reihe Vater-Baby, Baby, Baby-Vater-Bilder (das ist natürlich übertrieben!) bis dann der Vater mit dem technischen Gerät (und den Fotos) auszog. Meine Mutter schenkte mir sofort einen Fotoapparat, damit die Kinderjahre meines Sohnes in Erinnerung blieben. Die heimliche Erwartung, auch selbst mit Fotos versorgt zu werden, wurde genauso wenig erfüllt wie der andere Anlass des Geschenks. Zum Glück fotografierte der Patenonkel aus der Hausgemeinschaft. Und ich bin sehr glücklich, dass mein Sohn zu seiner Konfirmation ein schönes Fotobuch über seine ersten Jahre von ihm bekam.

Fotografieren als soziale Handlung

Erst mit den sozialen Medien hat sich meine Haltung zum Fotografieren geändert. Es ist das Unmittelbare, was es mir ermöglicht zu fotografieren. Fotografieren und teilen ist eins. Es entstehen Erlebnisse genau dadurch. Ich sehe etwas, fotografiere, teile es to whom it may concern und es folgen Kommentare, Reaktionen. Fotografieren wird zur sozialen Handlung, zur Kommunikation… Nach wie vor fällt es mir schwer Fotos von Menschen zu machen. Ganz gleich, ob ich mich unterhalte oder jemanden beobachte, ich möchte kein technisches Gerät zwischen mir und diesen Menschen. Ich fotografiere die Kanäle, den Himmel, Bäume, am liebsten spiegelnde Wasserflächen. Das geht so gut in Emden.

Blick für die Schönheit der Welt

Mit dem Fotografieren ist noch etwas entstanden. Die Suche nach Motiven ändert meinen Blick. Ich suche und sehe das Schöne. Und ich staune, wie viel Schönes es gibt. Aber ich manipuliere auch: Ich entdecke Perspektiven, die das Licht heller scheinen lassen, das Gras grüner. Oder ich verenge den Bildausschnitt bis mir gefällt, was auf dem Display erscheint. Die ständige Aufmerksamkeit für das Schöne macht mich ein wenig glücklicher. In diesem Zusammenhang wirkt die Kamera (ok, es ist ein Handy) nicht als Störer sondern als Verstärker meiner Wahrnehmung für die schönen Dinge des Lebens.

Manchmal habe ich Sorge, dass diese neue Hingabe zu den kitschig schönen Motiven meinen Scharfsinn schleift und ich mich in einer oberflächlichen und realitätsfernen Fototapetenwelt einrichte. Aber ehrlich gesagt, kümmert sich die Welt ganz aufmerksam darum, dass das nicht geschieht. Nur das ist wieder ein anderes Kapitel.

Haarige Angelegenheit

Get your Winterleggings on!

Vor ein paar Tagen habe ich ein Bild gepostet. Darauf eine gezeichnete Frohnatur mit Stoppeln an den Beinen. Dazu der Schriftzug: „Get your Winterleggings on!“ Die Reaktionen waren verhalten, tadelnd, entsetzt – wenn auch immer mit einem gewissen Augenzwinkern.

Nena – die Achselhaar-Rebellin

In meiner Jugend gab es eine Nena mit Achselhaaren. Ich – selbst zu dieser Zeit Rebellin – bekam nicht einmal mit, dass ihr Achselhaar in den Medien und überhaupt als Zeichen der Rebellion gewertet wurde. Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich war fest davon überzeugt, im Miteinander gehe es stets, in erster Linie und immer um die inneren Werte. In dieser Hinsicht war mein Sohn in der Grundschule schon weniger naiv, als er mir verkündete, bei Mädchen seien eigentlich nur zwei Sachen wichtig: Das Innere und das Äußere.

Haarfreie Zone Kuba

Die erste bewusste Konfrontation durch meine Körperbehaarung erlebte ich als junge Frau auf Kuba Ende der achtziger Anfang der neunziger Jahre (Man bedenke, das war im letzten Jahrhundert!). Nachdem ich rudimentäre Sprachkenntnisse erlangt und liebe Freunde kennengelernt hatte, kam das Gespräch auf diese von mir bis dato unbeachtete Äußerlichkeit. Auch öffentlich wurde mir ein „afeitate“ (rasier dich!) nachgerufen. Meine Antwort: „das ist bei uns nicht üblich“. Nur eine Nischenwahrheit, wie mir später bewusst wurde. Aber sie war Anlass genug, meine lesbische Freundin zu dem Experiment „Körperbehaart auf Kuba“ zu verleiten. Sie rasierte sich nicht mehr Achseln und Beine und begründete das mit einer bevorstehenden Deutschlandreise, auf der man ihr bei fehlender Körperbehaarung Ungezieferbefall nachsagen würde. Aufruhr und Rebellion!

Familienkultur

Meine Schwester hatte durch ihre Arbeit auf der Geburtsstation eines Krankenhauses breiter gefächerte Einsichten in die deutsche Enthaarungskultur und irgendwann erreichte sie auch unsere Familie. Erst theoretisch, dann durch den Kauf erster Einmal-Rasierer. Unvergessen bleibt der schwesterliche Fauxpas bei der ungeübten Beinrasur direkt vor einem Sommerfest sich einmal am rechten Schienbein entlangzuschneiden. Und die spöttischen Bemerkungen meiner Mutter zu dem Manipulationsversuch  von Gottgegebenem.

Die Natürlichkeit meiner Mutter führte zu einer anderen haarigen Familiengeschichte. Beim familialen Begriffe-Raten, sollte sie uns das Wort „Tisch“ entlocken. Sie legte ihre Arme auf den Tisch und sagte siegessicher: „Es ist unter meinen Armen“. Darauf meine damals 12-jährige Nichte: „Achselhaar!“

Mit einem kurzen sehr schmerzhaften Umweg über eine Epiliermaschine bin ich heute ganz gut im Status Quo angekommen. Manchmal denke ich an die vielen rasierten Quadratkilometer, die ich getätigt habe. Wie große Golffelder breiten sie sich in meiner Vorstellung aus. Und dann zuckt sie wieder die kleine Körperkultur-Rebellin: Get your Winterleggings on!

 

 

ManageMensch – Warum ein Blog?

Jetzt bin ich seit zwei ganzen Wochen Bloggerin. Darüber nachgedacht hatte ich viel länger. Ich wollte einigermaßen sicher sein, bei einem öffentlich sichtbaren Projekt, eine Weile durchzuhalten. (Auch wenn ich einschränkend sagen muss, dass wir hier ein „Winterblog“ haben – da ich während der Klassenfahrt-Saison zwar großartig Themen sammeln kann, aber nicht dazu komme, Blogposts zu schreiben.)

Die Lust am Schreiben

Schon als Kind hatte ich den Traum, Schriftstellerin zu werden und entzückte meine Verwandtschaft mit Geschichten über Esel und Abenteuer. Ich weiß noch, dass ich in der Grundschule beim Aufsatz nicht aufhören konnte und eine Stunde länger blieb. Und wie stolz ich war, wenn ich meine Geschichten vor der Klasse vorlesen durfte (Performance war auch schon immer meins).

Ein Buch habe ich am Ende wirklich geschrieben – meine Dissertation. Und dabei gemerkt

  1. wie quälend ein Schreibprozess sein kann
  2. wie schwer es ist, so einen großen Stoff im Griff zu behalten
  3. wie doof es ist, wenn das fertige Buch keiner liest

Etwas zu sagen haben

Die Doktorandenstelle hatte ich mit kleinem Kind angenommen, weil ich weder eine andere Idee noch ein anderes Angebot hatte. Tatsächlich promovieren war damals nicht mein erstes Ziel, eher mich über Wasser halten. Aber irgendwie fand Prof. Dr. Zdzislaw Krasnodebski, mein Doktorvater, häufig die richtigen Sätze, die in meinem Lebenshumus aufgingen. In diesem Fall war es die Feststellung nach zwei Jahren Arbeit: „Du hast jetzt etwas herausgefunden und wenn Du es nicht aufschreibst, ist es weg.“ Dieser Satz,  banal aber wahr, hat mich durch die Arbeit getragen.

Ungeschriebene Großprojekte

In meiner anschließenden Orientierungsphase nach der Uni, gab es mehrere schriftstellerische Projekte, die heute unberührt in der Schublade liegen. Ehrlich gesagt, fehlten mir Stringenz und Selbstdisziplin so ein großes Ding anzupacken. Kind, Arbeit und Haushalt sind weitere schlagende Argumente. Später vielleicht.

Schreibschule Marketing

In meinem neuen Job lernte ich durch die Marketingabteilung viel über das Texten:

  • Keine Füllwörter
  • Kurze Sätze
  • Klare Aussagen
  • Immer die Wirkung auf den Leser im Blick behalten

Und dass man in gemeinsamen Korrekturläufen, Texte unglaublich verbessern kann. Dankeschön!

Blogger-Erfahrung

Meine Blogger-Urerfahrung verdanke ich Johannes Korten. Er ließ mich auf seinem Blog einen Beitrag schreiben, als mir das Fertigmachen von Frau Schavan so auf die Nerven ging. Und die Erfahrung war gigantisch geil:

  • Ich kann einfach meine Meinung aufschreiben und ins Internet-Universum stellen.
  • Es wird gelesen und reagiert. Ok, es gibt dann auch nicht nur Zustimmung – da muss ich noch üben.
  • Es muss kein Riesenprojekt sein, sondern ein kleiner Text. Ein Gedanke zu einem Thema. Handhabbar.

Vor zwei Jahren bekam ich die Gelegenheit für unser Unternehmen Blogbeiträge zu schreiben. Es wiederholte sich die positive Erfahrung, aber ich spürte auch den Druck von Themensuche, Anschluss halten, passende Fotos finden etc. Das Blog habe ich sehr gern und mit viel Liebe betrieben. Und schon damals den Wunsch nach „meinem“ Blog verspürt.

Mit meinem Wechsel in den neuen Job und die neue Welt war eigentlich klar, dass ich mein Blog starte, sobald ich Luft habe.

  1. Ich habe so viele Gedanken und Themen im Kopf – „wenn ich sie nicht aufschreibe, sind sie weg“.
  2. Ich schreibe so gern. Und habe so eine Freude, wenn mir ein schöner Satz, Absatz, Text gelingt.
  3. Ich liebe es, mit meinen Positionen wahrgenommen zu werden – und glaube, wie bei der Arbeit am Text daran, dass Positionen in der Auseinandersetzung besser werden.

Und noch eins: Meine ersten Blogger-Wochen waren auch deshalb so schön, weil ich sehr liebevoll von vielen Bloggern und Internetlern begrüßt worden bin. Danke für den tollen Start!

 

Gedankensplitter: Expertenwissen

Gewalt an Frauen

 Letzthin war ich in einem Kreis von Menschen, die diskutierten, ob das blaue Auge und der dicke Bluterguss am Arm einer Bekannten der Fahrradsturz sein kann, den sie als Begründung angab. Alle in dieses Gespräch Involvierten hatten genaue Kenntnis, wie ein potentieller Schläger die Frau am Arm festhält, wie er zuschlägt und dass für einen Fahrradsturz die Schürfwunden fehlen.

Expertenwissen, dass mir komplett fehlt – bzw. fehlte. Denn als ich der Frau ansichtig wurde, hatten die Thesen Hand und Fuß. Mich gruselt diese gewonnene Kenntnis und ich wünsche mir meine Naivität zurück.

 

 

 

 

Alles Gute, Musikcamp!

Mein Lieblingsprojekt lebt ohne mich

Heute findet in der Jugendherberge auf Norderney das OLB Musik-Camp statt. Auf Facebook und twitter sehe ich Fotos vom Aufbau und rieche quasi die Stimmung. Und sitze hier auf dem Sofa eine Stunde plus Fährfahrt entfernt. Vor zwei Jahren fand am gleichen Ort das Abschlusskonzert des zunächst auf zwei Jahre begrenzten Veranstaltungsformats statt, mit dem die Jugendherbergen sich ganz neu präsentierten. Ein Projekt, das ich von Anfang an begleiten durfte und das für mich für immer ein berufliches Highlight bleiben wird. Ein Grund, heute über Projekte, die laufen lernen, nachzudenken.

Mein Baby

Von Anfang an war ich dabei – erst von Jugendherbergsseite zuständig für die Einwerbung der notwendigen Mittel und dann quasi als Knotenpunkt aller Beteiligter – man nennt es auch Projektleitung. Ich denke jeder, der mal etwas Ähnliches gemacht hat, weiß wie viel Reibung, Anstrengung, Beinahe-Katastrophen in so einem langjährigen Projekt stehen. Aber auch wie viel Spaß, Wunder und Wahnsinn. Anfangs sagte Thorsten Wingenfelder sinngemäß: „Wenn wir am Ende gemeinsam ein Getränk zu uns nehmen und es hat allen Spaß gemacht, hat sich die Reise gelohnt.“

Event – harte Arbeit, gutes Timing und Magie

Eventmanagement ist dadurch gekennzeichnet, dass enorme Kräfte, Massen, Dinge und Menschen bewegt werden, um zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas ganz Besonderes zu zaubern. Es gibt eine superdetaillierte Vorbereitung und doch kann ein Event in seiner Einzigartigkeit nicht berechnet werden. Neben dem Timing und Fleiß ist es immer auch Glück oder Segen, wenn diese magischen Momente entstehen.

Aber harte Arbeit ist die Voraussetzung für diese Magie: Ich habe diesen unermüdlichen und demütigen Fleiß der Tontechniker kennengelernt. Die produktive Aufregung der Künstler – gepaart mit einer hochprofessionellen Routine. Bienenfleißige Teams der Jugendherbergen. Die verlässlichen Fans und natürlich die Sponsoren, die durch den Vertrauensvorschuss alles möglich gemacht haben. Es gab auch total unterstützende Presseleute, die honorierten, dass wir dieses Format außerhalb urbaner Zentren spielten. Und ehrlich gesagt, war es jedes Mal so, dass ich mich mehr gefühlt habe, als ich sonst so bin.

Tun als Erweiterung des Selbst                                     

Generell sind wir Menschen ja nicht nur einfach da, sondern existieren durch unser Tun und unsere sozialen Kontakte. Und zentraler Teil des Musikcamps zu sein war irre! Ich hatte alle Telefonnummern für ein Open-Air auf meinem Handy in der Hosentasche! Meine Rolle war – in meiner Selbstzuschreibung – allen ermöglichen, bei möglichst guter Laune das Beste zu geben. Ich habe geschaut, wer braucht wann was, um sein Zeug machen zu können. Und damit war deren Zeug dann auch mein Zeug – hochbefriedigend, wenn es am Ende aufgeht. Und es ist aufgegangen wie ein Hefekuchen.

Schmerzen des Abschieds

Ich habe letzten Sommer eine berufliche Entscheidung getroffen, die beinhaltete dieses Lieblingsprojekt aufzugeben. Natürlich habe ich dem Musikcamp allen Erfolg dieser Welt gewünscht. Gleichzeitig bin ich aber viel zu egozentrisch, um nicht wenigstens zu wollen, dass man mich vermisst. Als ich im Sommer beim Musikcamp in der Jugendherberge Thülsfelder Talsperre vorbeischaute, musste ich die Wahrheit erfahren. Das Event-Gesetz ist nicht nostalgisch – die Energien weisen immer nach vorn. Eigentlich ist es wie bei meinem Jungen. Als mein Schwiegervater mit dem Baby in der Tür stand und allen erzählte der prächtige Bursche bestehe aus lauter Muttermilch, fühlte ich mich super. Heute erklärt er mir, er habe sich selbst erzogen und findet mich in der Regel „unnötig“.

Alles Gute für mich – Alles Gute fürs Musikcamp

Mein Thema ist in beiden Fällen das Gleiche: zu lernen, dass es gut ist, wenn die Kinder/Projekte ohne mich laufen. Und ich muss meine eigenen Leerstellen füllen, die diese Abschiede reißen und meine Rolle zu Kind/Projekt neu definieren.

Ich fühle mich auf gutem Weg, wenn ich morgen mit Freundinnen vom neuen Ort mein Musikcamp in der Jugendherberge Meppen besuche. Ich weiß, alle dort werden zusammen am Zauber des Abends schaffen, den ich dann genießen kann.

Und dann möchte ich nach dem Konzert gern mit allen ein Getränk trinken – ganz schön viel Harmoniesoße, was?

Ostfriesland – Annäherungen an die neue Heimat

Strafversetzt ins Paradies

„Und? – darf man fragen, warum Sie hierhin gezogen sind?“ lautet in aller Regel die zögerlich, fast ängstliche Nachfrage auf meine Vorstellung als Neubürgerin Emdens, die aus Bremen zugezogen ist. In dieser Nachfrage liegt so etwas wie eine bange Erwartung: Bestimmt zwangsversetzt! Oder: ein Fehler aus Liebe.

Wenn ich daraufhin erhobenen Hauptes entgegne, dass ich freiwillig in Emden bin und es mir in Ostfriesland gefällt, fährt ein Leuchten durch die Gesichter. Mir wird freudvoll von Heimkehrern berichtet, die es in der großen Welt nicht ausgehalten haben. Die positiven Charaktereigenschaften der Ostfriesen werden dargestellt. Ich werde auf kulturelle Highlights und „Musts“ hingewiesen. Eine eindeutige Botschaft: Hier lässt es sich besonders gut leben. Wir haben uns und Anschluss an Hochkultur und Zivilisation und sind ein ganz prima Völkchen.

Ostfriesland – Witzeland

Als Kind haben wir uns in meiner Ursprungsheimat dem Sauerland (auch nicht gerade ein urbanes Zentrum) Ostfriesenwitze erzählt. Ich wusste damals nicht, dass es wirklich Ostfriesen gibt. Sie waren für mich ein Pendant zu Fritzchen, den Schildbürgern, Till Eulenspiegel und diesem Mann auf der Kanonenkugel. Märchenwelt – Witzewelt. Besonders geistreich erschien mir die Idee, wie Ostfriesen den Fernseher scharf stellen (Antwort: mit Salz und Pfeffer). Wir dagegen hämmerten mit der Faust auf dem Gerät herum oder ein Geschwister musste an einem bestimmten Standort verharren, damit wir durch den Schnee etwas sehen konnten. Jajaja, so war es damals (!).

Dann bekamen wir eine Otto-Platte. Aber den berühmtesten Bürger Emdens hatte ich bis vor einem Jahr überhaupt nicht dieser Stadt zugeordnet. Mein kleiner Bruder heulte damals, weil er die englischen Witze als Grundschüler nicht verstand (Peter, Paul and Mary are planning a bank-robbery). Ich verstand sie auch nicht, lachte aber fleißig, um mir keine Blöße zu geben und mit meinen großen Geschwistern mitzuhalten (ich hatte schließlich schon seit ein paar Monaten Englisch) – und wer weiß, vielleicht lachten sie aus einem ähnlichen Grund.

Ostfriesische Landschaft

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Naturmädchen bin. Mein Sohn fragte mich als er fünf Jahre alt war, wie denn ein Wald aussehe und ob es dort wirklich Hexen und Füchse gebe. Aus Mutterliebe – und mit mächtig schlechtem Gewissen – erkundigte ich mich sofort nach dem nächsten Wald bei Bremen und brachte mein Kind dorthin.

Ich kann nicht genau sagen, ob es meine berufliche Identifikation ist, die mich ständig dazu auffordert, die landschaftlichen Schönheiten Ostfrieslands zu preisen oder ob es einfach „meine Landschaft“ ist (diese These stammt übrigens von meiner schlauen Mutter). Der Himmel, die Kanäle, das Grün – es kracht mir alles ungebremst ins Herz.

Randlage Deutschlands

Unterschätzt hatte ich die Randlage, in die ich mich begeben habe. Möchte ich heute irgendwohin, ist es IMMER weit. Das heißt, ich überlege gut, bevor ich aufbreche und entsprechend breche ich nicht so oft auf… Es kommt nur zu Besuch, wer wirklich will. Es entsteht ein sehr deutliches Gefühl von „Ab-vom-Schuss“.

Man sagt hier nicht „Ich schau vorbei“ wurde ich bei einem ersten Zusammentreffen mit alten Ostfriesen belehrt, sondern „Ich schau rein“. Obwohl ich den Verdacht habe, dass die alten Herren mir als naivem Neuling so allerlei als typisch ostfriesisch auftischen und auftischen können.

Der typische Ostfriese

Aber mein Blick von außen nimmt auch karikierend scharf das Neue wahr. Und die Ostfriesen sind für mich ein ganz besonderes Völkchen:

  • zwischen Stolz und Minderwertigkeitsgefühlen
  • demütig im positiven und negativen Sinn
  • trinkfest und feierfreudig
  • handfest und alltagsklug
  • naturverbunden, wettergegerbt und widerstandsfähig
  • beinfleißig
  • mir sehr sympathisch

Dies ist eine erste Zuschreibung nach einem Jahr in einer neuen Welt. Ich werde weiter Augen, Ohren und Herz offen halten, um zu erfahren, wo ich hier gelandet bin.

Wechseljahre

In der Lebensmitte hat man die Hälfte hinter sich – und die Hälfte vor sich

In der Mitte des Lebens hat man die Hälfte hinter sich. Irgendwie scheinen Geist und Körper diese Banalität so zu verdrängen, dass es uns statistisch erst einige Jährchen nach der Lebensmitte ereilt:  Midlife-Krise und Wechseljahre.

Körperlicher Abbau: langsamer Einstieg in das Leben mit Brille über das günstige Einstiegs-Angebot der Drogerien – so erspart man sich die fachliche Diagnose „Altersweitsicht“. Bei einem Umzug kann kaum noch jemand der eigenen Altersklasse bei der Waschmaschine anfassen.

Nachlassende Attraktivität: Der Geist ist willig, aber das Fleisch wird irgendwie immer schwächer. Nicht nur bei einem selbst. Auch bei einem gleichaltrigen Gegenüber. Hier versprechen Drogerien Unterstützung. Wir wissen um deren Begrenztheit und greifen trotzdem zu.

Kulturell gealtert: Wenn mein Sohn mir Musik vorspielt, von Filmen erzählt, mir diese komischen Spiele zeigt und Sprüche klopft, merke ich: ich bin raus! Mein Herz schlägt bei alten Liedern, Filmen etc. Ich kenne Menschen meines Alters, die mehr En Vogue sind und Anschluss halten. Mir scheint aber, auch das hat einen Preis, der mit den Drogerie-Angeboten vergleichbar ist.

Verengter Horizont und Blick in den Rückspiegel

Das Einschneidenste ist jedoch der verengte Horizont. Was ich jetzt nicht mache, werde ich vermutlich nie mehr machen und viele Sachen, kann ich schon jetzt nicht mehr in Angriff nehmen:

  • Ich werde nie mehr ein Pop-Star
  • Ich werde keine Großfamilie mehr gründen
  • Ich werde nie mehr Handstand-Überschlag machen

Der Blick zurück hat mehr zu bieten, als der nach vorne:

  • Ich bin im Elbsandsteingebirge durch den Kamin geklettert
  • Ich habe in Nordkorea gesungen (und mich gegruselt)
  • Ich habe ein Kind geboren und (schon fast) großgezogen
  • Ich habe tolle Projekte umgesetzt

Aber ich fühl mich viel zu jung, um in der Vergangenheit zu leben. Schließlich gehöre ich zur ersten Generation mit ausufernder Jugendphase und meine Mutter sagte neulich erst: „Wer so lang 16 war wie Du, von dem kann man nicht erwarten, dass er plötzlich 52 ist.“ Auf der anderen Seite war ich nie ein Anhänger der These, man sei immer so alt wie man sich fühle… das kann zu enormen Irrtümern führen.

Ein Aufbruch bereitet immer auch Schmerzen

Vor einem Jahr zog ich mit Sack und Pack und einem gerade 15-jährigen Jungen aus der Möchtegern-Großstadt Bremen nach Emden in die echte Peripherie. Neues Leben, neuer Job, neue Themen.

Ich lüge, wenn ich behaupte, es sei einfach.

  • Ich vermisse die über viele Jahre gewachsenen Freundschaften. Mein Drang bei jedem Frei in die heimischen Sphären und die Arme meiner Freundinnen zu segeln ist groß und behindert gleichzeitig die Neuausrichtung am neuen Ort. Erwarteter Weise haben die Menschen meines Alters einen gesättigten Freundeskreis. Man hat nicht wirklich auf mich gewartet.
  •  Die Konflikte mit dem ob der Umsiedlung berechtigterweise komplett wütenden Kind waren schrecklich. Ich bin selig, dass er mir verziehen hat, aber immer noch extrem erpressbar. Dazu neigen Alleinerziehende mit ewig schlechtem Gewissen und ich im Besonderen sowieso.
  •  Der neue Job erweist sich als superherausfordernd. Spannung hat seinen Preis und fehlende Routine kann beim Rennen gegen die Zeit ganz schöne Schmerzen verursachen.

Erstes Fazit

Ich habe es nicht bereut! Es war das wildeste Jahr, an das ich mich erinnern kann. Ich habe noch nie so hart gekämpft und jetzt nach einem Jahr auf das erste Ergebnis zu blicken, macht mich richtig stolz und glücklich:

  • Ich habe im Job bestanden
  • Ich habe erste freundschaftliche Bande zu ganz phantastischen Menschen geknüpft
  • Meinem Sohn geht es mittlerweile gut am neuen Ort
  • Dieses Ostfriesland gefällt mir richtig (inkl. Ostfriesentee)

Und ich bin extrem neugierig auf das, was kommt. Das ist ein wirklicher Lebens-Luxus in meinem Alter, den ich demütig zu schätzen weiß.